West und Ost

T E I L U N G

Das “Jahr der Teilung” 1962 spielt im Leben der Verdammten Berlins zunächst keine unmittelbare Rolle. Zwar muss sich der “Schattenhof” um den Fürsten und Albrecht-Erben Marius damit abfinden, ein großes Gebiet Berlins faktisch zu verlieren, da man aber ob der geringen Größe des Hofes ohnehin mit der Kontrolle der (Rest-)Domäne reichlich gefordert ist, spielt dies kaum eine Rolle.

Einst, bei einem Salon zur Geburt der Domäne, irgendwann in den Neunzigern, soll Marius, angesprochen auf die Frage, ob er im Jahr der Teilung nicht erwogen habe, in den Ostteil zu gehen (der ja das eigentliche Stadtzentrum (Mitte bzw. Alt-Berlin) umfasste), eingestanden haben, dass dies in der Tat ein Punkt heißer Debatten im Invictus gewesen sei.

Schlussendlich habe man sich dazu entschlossen, das Zentrum des Invictus im “sichereren” Westen zu belassen, und stattdessen einen “Statthalter des Invictus” nach Ostberlin zu entsenden, um im Falle einer (ja allgemein für die nähere Zukunft erwarteten) Wiedervereinigung dann die Domäne nahtlos in Invictus-Hand zu bringen.

Heute wundert man sich, dass seinerzeit beim Salon niemand den Fürsten fragte, wer denn jener Statthalter gewesen sei und was aus ihm wurde – doch alle Befragten beteuern, dies habe tatsächlich niemand angesprochen.

Ostberlin

Über die Geschichte Ostberlins von 1963 bis 1990 kann ziemlich genau ein Wort gesagt werden: “Nichts”.

Zum Zeitpunkt der Trennung der Domäne galt der Osten der Domäne als unbewohnt oder man orakelte bestenfalls, dass sich wohl auch dort vereinzelte Freie, Überlebende oder Ruinengeister bewegen würden.

Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung offenbarte der Abt Matthäus seine Präsenz und die Anwesenheit der Abtei der “Corona Obscura” in Ostberlin, das gänzlich von der Abtei beansprucht und “behütet” würde. Von den neugierigen Kindern der Nacht aus dem Westen gefragt, was denn mit Kindern der Nacht außerhalb des Sanktums in Ostberlin sei, teilte der Abt mit, dass es diese nicht gebe. Konfrontiert mit Vorwürfen, die Abtei hätte Andersgläubige ausgerottet, lächelte er nur, das mangelnde Vertrauen in die Überzeugungskraft des wahren Glaubens des Zweiflers bedauernd.

Befragt zur Geschichte der vergangenen Jahre, äußerte der Abt nur, wie er sich immer in diesem Punkt äußert: Das Vergangene ist vergangen, und bedeutungslos für das Dunkle Werk der Verdammten.

Westberlin

Im Gegensatz zu früheren Epochen ist das Schicksal der Domäne Westberlin seit dem Jahr der Trennung relativ gut belegt. Was natürlich nicht heißen muss, dass die zahlreichen Dokumente und Erzählungen mit einem Male wahrhaftiger geworden wären.

Das Los Westberlins lässt sich am besten in 3 Dekaden teilen, die jeweils eine andere, bezeichnende Ausprägung hatten:

Die Dekade der Macht: Die Sechziger

Zu Beginn der Sechziger Jahre herrscht der Invictus um den Ventrue Marius weitgehend unangefochten über Westberlin. Soweit es überhaupt andere Vampire gibt, machen diese nicht von sich reden (oder werden in aller Stille beseitigt, wie einige unken).

Dies ändert sich radikal gegen Mitte der Dekade, als die Häscher des Fürsten an der “einfachen” Aufgabe scheitern, eine neu in der Domäne aufgetauchte Daeva namens Pandora aufzubringen. Mehrfach gelingt es der geschickten Daeva und ihrer kleinen Brut, dem Fürsten zu entgehen – zur Begeisterung der anderen, in der Ödnis der Domäne versteckten Ruinengeister. Dann, 1966, gelingt es dem Fürsten, Pandoras erstes Kind zu erlegen. Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, dass jemand aus dem Umfeld Pandoras die Information vom Versteck des Kindes an den Fürsten verriet – und wie man hört, ist Pandora nach wie vor sehr interessiert daran, die Hintergründe dieses ersten “Mordes” zu erfahren.

Sei es wie es sei: Der Tod des (oder der?) Ersterschaffenen Pandoras markiert den endgültigen Ausbruch von Gewalttätigkeiten zwischen dem Hof des Marius und der Brut der Pandora, der im Laufe kommender Jahre die Domäne Westberlin immer mehr in zwei getrennte Lager spalten sollte. Und die Domäne Berlin bis heute im Klammergriff schwelender Gewalt gefangen hält.

Die Dekade der Rache: Die Siebziger

Mit dem Tod ihres Kindes ändert Pandora ihre Taktik. Statt sich nur auf den Faktor der Überraschung und des Verbergens zu beschränken, sucht sie Treffen der Freien und der im Zuge der 68er Revolte nach Berlin strömenden Carthianer auf, bestrebt, Alliierte für nichts anderes als ihren Rachefeldzug gegen den Schattenhof der Sanguis Regiae zu finden.

Just ihre persönlichen Rachegelüste sind es, die eine Allianz um Pandora vorerst verhindern sollen: Der Präfekt der neuen Carthianischen Bewegung, ein selten intellektueller Gangrel namens Cicero, wähnt die Ära des Invictus am Schwinden und das Ende desselben “nur eine Frage der Zeit”. Getragen von einem Hochgefühl, das in Berlin die Geburtsstätte einer neuen Gesellschaft auch der Anverwandten sieht, verkennt Cicero den Ernst der Lage – und die Gefahr, die vom neuen Bluthund an Marius Seite ausgeht:

Grigori kam nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Berlin und schloss sich ganz natürlich dem Hof an. Zunächst ein geduldiger Beobachter, profitierte er vom Versagen früherer Häscher des Fürsten und machte sich als Verteidiger des Thrones und Schützer der Fürstenfamilie schnell einen Namen.

Mit dem Anwachsen der Carthianischen Bewegung und dem drohenden Abkippen des Berliner Danse Macabre in eine Carthianerherrschaft gelang es dem erfahrenen Gangrel Grigori, sich unentbehrlich zu machen – und sich zur Klaue des Hofes aufzuschwingen.

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