Vor-Spiel
Der Jahrtausendwechsel ist auch für die Anverwandten Berlins eine Zeit der Besinnung, der Kontemplation und natürlich der vollkommenen Selbstinszenierung.
Absolut jede Kabale und fast jede der Blutfamilien veranstaltet im näheren Umfeld des Millenniumswechsels Feste, Salons, Einladungen, Zeremonien, Messen oder was immer dem Wesen der Gruppe sonst entsprechen mag.
Es wird der Toten der Vergangenheit gedacht, und einhellig wird dem Wunsch Ausdruck verliehen, dass der Wechsel des Jahrtausends ein Signal für einen Neuanfang der Domäne sein möge. Eine Hoffnung auf Frieden vereint die Fraktionen ebenso sehr, wie diese umgekehrt von der Frage gespalten werden, wie dieser Friede funktionieren und durch wen er beherrscht werden sollte …
![]()
2 0 0 0 : T O T E N T A N Z
Die Stimmung des Aufbruchs und den Tenor des Friedenswillens nutzend, ruft der Invictus-Fürst Marius – der sich nach wie vor als Herrscher der Gesamtdomäne betrachtet, auch wenn außer seiner eigenen Fraktion innerhalb des Invictus dies sonst niemand tut – die Kinder der Nacht zum Treffen zusammen.
Auf diesem “Danse Macabre” präsentiert er fünf Vampirschädel, welche seiner Erzählung zufolge aus den Zeiten des ersten Bluthofes von Berlin stammen sollen.
Mit diesen als zeremonienellen Objekten stellt Marius den Kindern der Nacht ein System zur friedlichen Klärung von Differenzen und zur möglichen späteren “Wahl” eines Fürsten der Gesamtdomäne vor.
Das System sieht vor, dass zu Beginn eines Danse Macabre die offene Frage gestellt wird, wer unter den Anwesenden einen der fünf Schädel für sich beansprucht, woraufhin vortreten kann, wer immer das will.
Alsdann würde jeder der weiteren Anwesenden Gelegenheit haben, sich wahrhaftig “hinter einen” der Aspiranten zu stellen.
Sofern es weniger als fünf Bewerber um einen Schädel gäbe, würde derjenige mit den meisten Unterstützern eben mehrere erhalten. Gäbe es mehr als fünf Bewerber, würden nur jene mit den meisten Unterstützern einen erhalten.
Jeder der Schädel würde in der folgenden Sitzung des Schädelrates als eine Stimme zählen, wobei es in der Freiheit jedes Schädelträgers stünde, seinen Schädel an einen anderen Vampir abzugeben. Würde so ein Vampir alle fünf Schädel erhalten, wäre er der neue Fürst der Domäne Berlin.
Aus den unterschiedlichsten Gründen willigen alle Fraktionen in die Spielregeln des Danse Macabre ein: Es herrscht – zumindest eine Zeit lang – Frieden in Berlin.
![]()
2 0 0 1 : S C H Ä D E L
Das “Jahr der Schädel” 2001 ist wie das Jahr zuvor gekennzeichnet von der Etablierung der neuen Ordnung unter dem Danse Macabre.
Entgegen der anfänglichen Sitte, dass stets der Invictus die Treffen des Danse einberuft, setzen die Schädelträger der Lancea (stets der Abt) und Haus (zuweilen Pandora, zuweilen Salem) durch, dass das Recht der Ausrichtung des Danse Macabre reihum durch jene Kabalen geschehen soll, die in der Regel einen Schädel erringen können und darum “Schädelkabalen” genannt werden sollen.
Mit diesen und anderen Verfeinerungen des Prozederes – darunter auch einer Regelung zur Verwahrung der Schädel zwischen den Danses und einer Regelung für den Fall, dass einer oder mehrere Schädel zwischen zwei Danses gestohlen werden – vergeht ein Jahr.
Es kommt zu ersten, vorsichtigen Annäherungen. Ersten Salons. Sogar zu einem Herbsttanz der Anverwandten auf Einladung Lukulls. Und zu einer schrittweisen Wandlung im Ansehen des Haus der Schmerzen weg von einer tollwütigen Meute kulturloser Ratten hin zu einem freiheitlichen Salon und angesehenen Veranstalter dekadenter Festlichkeiten.
![]()
2 0 0 2 : B E W Ä H R U N G
Eine erste, ernste Prüfung des neuen Systems kommt im “Jahr der Bewährung” 2002 auf die Domäne zu:
Nachdem die Klaue des Haus der Schmerzen, Sched, auf einer Einladung desselben Mordred, Mitglied des Invictus und Enkel des Fürsten, attackiert, setzt der Erste Stand den streitbaren Nosferatu wegen “Verrat am Fürsten” fest.
Auf dem kommenden Danse auf Einladung des Invictus soll ihm der öffentliche Prozess gemacht werden, wodurch die Sanguis Regiae um Marius ihren Machtanspruch über Berlin zu zementieren hofft.
Darin, indes, scheitert die Kabale in doppelter Hinsicht: Zunächst wird sie von der Nachricht entsetzt, dass das Haus der Schmerzen den als unbesiegbar geltenden Bluthund des Marius, Grigori, gefangen genommen hat (wie immer dies gelungen sein soll, bleibt ein Rätsel).
Auf dem Danse Macabre dann gelingt es der Sanguis Regiae trotz verschiedener im Vorfeld eingefädelter Geschäfte nicht, die Mehrheit der Schädel an sich zu bringen: Marius erhält zwei, zwei erhält der Abt, einen erlangt Pandora, erhält aber überraschend von Seiten des Abtes einen von dessen zwei Schädeln überreicht.
Die “Patt”-Situation zwischen Haus und Hof brüskiert Marius ohne Gleichen und beendet was immer für gute Beziehungen zuvor zwischen seiner Kabale und dem Sanktum (um Iontius) entstanden waren.
Unfähig, einen Schuldspruch gegen Sched zu erwirken, aber nicht willens, das System des Danse Macabre selbst zum Scheitern zu bringen, werden Verhandlungen eröffnet, die auf dem folgenden Danse (auf Einladung des Sanktums) in einem Austausch der gefangenen Klauen beider Kabalen Sched und Grigori enden.
Der Danse Macabre hat seine Wirksamkeit im Streitfall bewiesen – der Preis aber ist eine wieder zunehmende Feindseeligkeit zwischen den Fraktionen.
![]()
2 0 0 3 : B U S S E
Der Konflikt zwischen Sanktum und Invictus verschärft sich im Folgejahr weiter, als das Sanktum den Charon der Sanguis Regiae, Uräus, der illegitimen Erschaffung eines Kindes bezichtigt.
Uräus entgegnet sehr unterkühlt, dass es kein Gesetz in der Domäne gebe, welches dem Sanktum das geringste Entscheidungsrecht in Fragen der Nachkommenschaft zubillige – da Uräus aber erkennbarer Weise auch weder die Erlaubnis seiner Erschafferin noch seines Fürsten eingeholt hatte, sieht er sich plötzlich schutzlos den Attacken des Sanktums – vertreten durch dessen Inquisitor, Lukas, und dessen Templer, Markus – ausgeliefert.
Am Ende müssen Uräus und sein (erstes) Kind Isdira Buße tun für das gemeinsame Verbrechen, müssen ein Jahr lang das Büßergewand des Sanktums tragen, werden auf einem der folgenden Danses gepeitscht und Uräus mit einer glühenden Eisenstange gebrannt.
Wie vorstellbar ist, sinkt in Folge dieser Akte der Willen des Charon der Sanguis Regiae zum Frieden erheblich, und nur die Benennung von Uräus’ Erschafferin zum neuen Charon des Sanktums (anstelle von Markus) vermag noch einmal das Ärgste zu verhindern.
Für wenige Monate, zumindest.
*)