Verloren im Nebel

Berlin ist bei allem Pomp und großstädtischer Arroganz eine junge Stadt. Während in anderen Domänen des heutigen Deutschlands schon Reiche erblühten, war das Land zwischen Elbe und Oder noch wüst und leer, einzig bevölkert von einigen Germanensippen, die dann – zu Beginn der Völkerwanderung – vor irgendeinem namenlosen Grauen aus dem Osten flohen.

Ihnen folgten Slawen nach, die sich in diesem Land der Sümpfe und der Blutsauger (Mücken genannt) niederließen. Und die zu ihren heidnischen Göttern beteten. Zu Triglav. Zu Rujevit. Zu Svantevit. Und die sich vor den Monstern der Nacht verschanzten.

Natürlich weiß heute niemand mehr, welche jener Monster real und welche nur eingebildet waren. Unzweifelhaft aber ist, dass die ältesten Sagen und Legenden der Menschen des Brandenburger Landes zutiefst düster sind (was wohl mit ein Grund gewesen sein dürfte dafür, dass auch der düstere, 1971 erschienene Roman “Krabat” hier in der Lausitz angesiedelt ist).

Spuren im märkischen Sand

Natürlich ist es nicht auszuschließen, dass es schon in frühester Zeit Kinder der Nacht im heutigen Berliner Raum gegeben hat. Allerdings ist es recht unwahrscheinlich, dass diese besonders zahlreich waren – dafür war dieses Land schlicht zu öd und menschenleer.

Was die Kinder der Nacht Berlins sich stattdessen erzählen, sind Legenden von unheimlichen Wesen, welche es früher hier gegeben haben soll. Und die es vielleicht immer noch gibt.

Besonders die bluttrinkenden Taggänger der Upierczi haben so deutlich in den Legenden der Slawen ihre blutigen Spuren hinterlassen, dass man ihre Existenz – zumindest in den frühesten Nächten – annimmt. Ja, es heißt sogar, dass die ersten “richtigen” Kinder der Nacht gegen jene dämonischen, tierhaften Kreaturen regelrecht Krieg führen mussten, ehe die Upierczi – womöglich zum Ende des Mittelalters hin – ausgerottet wurden.

Andere flüstern von den Rattenkindern der Moroi, unheimlichen Wesen, die ein Kind der Nacht nur treffen kann, wenn es dies will und wenn es ganz und gar alleine ist. Es kursieren mehrere Erzählungen über solche Begegnungen zwischen Moroi und den Kindern der Nacht, und stets tragen diese Erzählungen “mephistophelische” Züge, indem der Moroi (es ist stets nur ein einziger, indes immer ein anderer) dem Kind der Nacht das anbietet, was es verlangt – gegen einen Liter seines Blutes. Nicht mehr. Niemals weniger.

Ob Upierczi und Moroi indes Kinder der Nacht einer unbekannten Blutlinie oder etwas gänzlich anderes sind, ist völlig unklar. Beide gelten aber als ein böser Schatten jener Form des Vergangenen, das man besser dem Vergessen anheim fallen lassen sollte.

Die Graue Brut

Eine der frühesten Legenden der Kinder der Nacht Berlins erzählt von einem Vampir, der um die Zeit der Ratsunion der Städte Berlin und Cölln (das wäre um 1300) die Stadt erreicht haben soll und der vom Blut der Mahre gewesen sein soll.

Es heißt, dass er in der Zweistadt eine Brut schuf und einen geheimen Kult, welcher die Macht des Grauens und der Alpträume selbst anbetete. Solcherlei Gerede scheint in einer Domäne, in welcher der Älteste eben jenem Blut der Mahre angehört und dem nachgesagt wird, den letzten Ventruefürsten durch eine nie gekannte Macht des Grauens in Wahnsinn gestürzt, wenn nicht umgebracht zu haben, passend zu sein. Wenngleich niemand zu sagen wagt, der Abt habe etwas mit jenen fernen Gerüchten einer “Abtei des Grauens” zu tun (was er im übrigen ebenso unkommentiert lässt wie alles andere Gerede, das Ereignisse vor dem Weltkrieg betrifft).

Weitere Erzählungen sagen, es existierten in Berlin auch Schriften jener ersten Berliner Nächte – Rindentafeln oder sogar Bücher – die von einem “Schreiber des Grauens” namens Grimkin verfasst seien – damit tatsächlich der älteste überlieferte Name eines Kindes der Nacht zu Berlin.

Der “mönchische” Klang, den dieser “Schreiber” zu haben scheint, ist den Berliner Vampiren keineswegs entgangen – Spekulationen darüber aber, dass der Abt etwa Grimkin selbst sei oder in einer engeren Beziehung zu ihm stünde, werden als “Schwarze Mann Geschichten dummer Welpen” verlacht.

Ein weiteres Mitglied jener (möglicherweise) ersten Brut soll zudem eine Frau namens Katharizna gewesen sein, die auch “die Blüte des Grauens” (oder des Bösen) genannt wird.

Der Kreis der Vettel

Wie jede Domäne, deren Fundament auf heidnischem Boden steht (und welche wäre das nicht) hat auch Berlin seine eigenen Legenden über eine machtvolle Hexe aus alter Zeit, die – natürlich – möglicherweise die Vettel gewesen sein soll, welche den Zirkel der Mutter begründete.

Daran glaubt zwar so recht keiner, aber Hexenmärchen spielen im reichhaltigen Repertoire Furcht einflößender Sagen und Legenden der Mark Brandenburg ganz zweifellos eine besondere – und besonders große – Rolle.

Ohne hier zu sehr ins Detail gehen zu wollen, sei erwähnt, dass Vampire, die sich mit dieser Materie beschäftigen, manche jener alten Hexengeschichten mit der legendären Gestalt der “Gorinka Baja” in Verbindung bringen, welche die “Urmutter” der Berliner Akolythen sein soll, von der auch die meisten der vom Zirkel (angeblich) praktizierten Zauber stammen sollen (es sei betont, dass dies vor allem jene verbreiten, die nicht Mitglied des Zirkels sind).

Die Gorinka Baja soll – so lautet eine andere Legende – zwei Kinder oder sogar Zwillinge gehabt haben, deren Überlieferungen sich aber oft mit anderen, klassischen Erzähl-Motiven überlagern (eine Berliner Legende z.B. besagt, dass die Gorinka Baja eine Gangrel sei, die von ihrer Zuflucht aus ihre beiden Kinder “Led und Leski” als Boten und Kundschafter in Rabengestalt ins Land schicken würde – was ziemlich genau der “Hugin und Munin” Sage der Edda entspricht).

Insgesamt ist das “Hexenweib” wie auch der “Graue” mehr eine Spukgestalt, an die niemand so wirklich glaubt. Was sich bei unserem nächsten Gegenstand ändern soll:

Das Siechenkind

Eine von zwei Ur-Legenden der Berliner Kinder der Nacht, denen diese mehr als nur einen Schatten von Wahrhaftigkeit zubilligen, ist die Legende vom Siechenkind.

Die Legende an sich findet sich in so gut wie jeder europäischen Domäne, in deren Vergangenheit größere Pestwellen auftauchen (so geschehen in Berlin erstmalig 1576): Ein Vampir einer bis dato unbekannten Blutlinie – oft, aber nicht immer “Morbus” genannt – kommt in die Domäne, und Sieche und Pest folgen ihm und raffen Tausende dahin. Die Vampire der Domäne jagen die Pocke (ugs. für einen Seuchenverbreiter), diese verflucht die Vampire und bringt Zahllose zu Tode, ehe er selbst flieht oder (meist) vernichtet wird.

Um es so ehrlich wie möglich zu sagen: Vermutlich geht nur ein verschwindend geringer Teil der europäischen Pesttoten auf Vampire zurück. Die Gestalt der “Morbus”-Familie scheint – quasi sozioloigisch betrachtet – für die Kinder der Nacht die gleiche Sündenbock-Funktion zu haben, welche die Juden zu ihrem Unglück für die Menschen des Mittelalters hatten: In der Gestalt einer Seuchen verbreitenden Blutfamilie konnten sich die Ängste der Bestie ungehemmt entladen, und mehr als ein Vampir dürfte durch Verleumdung, er sei ein “Morbus”, in jenen Jahren zu Tode gebracht worden sein (eine ähnliche Panik kennen die modernen Kinder der Nacht bestenfalls noch aus den Zeiten der Spanischen Grippe und natürlich aus der Ära der AIDS-Panik).

Der Schädelrat

So recht weiß niemand zu sagen, wann genau der Rat der Schädel entstanden ist. Und es spricht einiges dafür, dass dieser erst wesentlich später – im 19. Jahrhundert – entstanden ist.

Dennoch sei wenigstens erwähnt, dass einige glauben (oder zumindest behauptet haben) die Spur des Schädelrates bis ins Mittelalter, genauer: bis vor den Dreißigjährigen Krieg, verfolgen zu können. Allerdings betrachtet jeder vernünftige Vampir derartige “Quellen” (so es denn solche gibt) als Fälschungen späterer Höfe, welche dem Schädelrat durch Fälschungen mehr Bedeutung und Tradition verleihen wollten (ähnlich wie die Über-Gestalt von Karl dem Großen vermutlich zu wesentlichen Teilen auf Fälschungen späterer Tage beruht).

Ein interessantes Detail hierbei scheint zu sein, dass jene Spuren, welche die Entstehung des Schädelrates im Mittelalter statt in neuerer Zeit ansiedeln, einhellig von drei statt von fünf Schädeln sprechen.

Der Verzehrer

Nein, nicht der Schädelrat, der Verzehrer ist die zweite Legendengestalt der frühesten Berliner Nächte, der heute eine größere Zahl von Vampiren Glauben beimisst.

Der Legende nach soll es einen Ahnen der frühesten Nächte – vielleicht den Grauen, vielleicht die Vettel, vielleicht einen Wanderer – gegeben haben, der in den Kriegswirren des Dreißigjährigen Krieges die zarte Flamme der Domäne Berlin austat, indem er alles vampirische Leben der Domäne verschlang.

Relativ unstrittig ist unter den Berliner Vampiren, dass am Ende des Dreißigjährigen Krieges die Domäne Berlin frei von Kindern der Nacht war. Hierauf deuten zahllose Legenden ebenso hin wie ein völliges Fehlen von überlieferten Schriften (Originalen wie Fälschungen) der betreffenden Jahre.

Natürlich ist die einfachste Erklärung für das Motiv des Domänentodes der Dreißigjährige Krieg selbst: Die Akteure des Krieges zogen mit ihren Heeren plündernder Kämpen so oft durch die Mark, dass einige Teile des Landes Todesraten von bis zu 97 Prozent der Bevölkerung zu verzeichnen hatten. Wen soll es angesichts dieser Kargheit wundern, dass Vampire aus dem Land flohen, und die verbliebenen in Streit um die schwindenden Herden gerieten?

Sei es wie es sei, das “populärste” Motiv jener Jahre spinnt sich um die Gestalt eines Ahnherren, der alles vampirische Leben der Region aufzehrte, selbst seine eigene Brut. Einige Legenden stellen eine verbotene Diablerie an seiner Geliebten oder alternativ seinem verhassten Erzfeind an den Anfang einer beispiellosen Raserei des Hungers, welche durch ein ganzes Meer von Blut nicht zu stoppen gewesen sein soll.

Furchtvoll flüstern einige von Erzählungen aus Übersee, wo vor wenigen Jahren eine ebensolche Raserei ausgebrochen sein soll, welche ganze Gemeinschaften von Vampiren seuchengleich erfasste – und nichts zurückließ. Dass jene Fälle unmittelbar zusammenhängen glaubt zwar niemand – dennoch ist der Gedanke eines etwaigen, unter Berlin aus Blutnot und Hunger schlafenden, unersättlichen Ahnherren MEHR als nur ein wenig beunruhigend.

Im übrigen gibt es die Spukgeschichte, dass die viel gefürchtete “Nox Aeterna” tatsächlich ein Kult sei von Verschworenen, die jenem schlafenden “Blutgott” andere Vampire als Opfer darbringt, um ihn in ewigem Schlaf und Ewiger Nacht (Nox Aeterna) gefangen zu halten …

Der Beobachter

Eine weitere, vor allem unter den Gangrel der Domäne verbreitete Erzählung spricht von einem blonden Jungen, der zur Zeit des Niedergangs des Römischen Imperiums aus jener Stadt floh und hierher in die Ödnis fern jenes vergehenden Reiches kam. Der Junge – zuweilen auch ein Mann, immer aber als blond beschrieben – soll Sigmund geheißen haben und sich im Berliner Raum niedergelassen haben, wo er bis heute verborgen leben und die Geschicke der Berliner Kinder der Nacht beobachten soll.

Einige gehen sogar weiter und behaupten, Sigmund habe unter verschiedenen Namen die Geschicke der Stadt gelenkt oder diese sogar als Prinz beherrscht, ja, er soll sogar heute noch, wenngleich unter anderem Namen, die Hand des Invictus sein und Berlin als verborgener Prinz beherrschen.

Der Berliner Invictus hingegen belächelt dieses Gerücht, das offenbar von jenseits des großen Teiches kommt und erst in jüngsten Jahren aufgetaucht ist: Weder kennt die Berliner Legende Erzählungen um einen blonden Gangreljungen – heiße er nun Sigmund oder Sigiswald – und erst recht kenne der Berliner Invictus keine “Hand”. Und wenn er sie kennen würde, so wäre es wohl am Ehesten Grigori – der ZWAR ein Gangrel sei, den man hingegen aber kaum blond nennen könne.

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