Fragmente
Legenden über den Grauen Abt
Der Älteste der Mahre der Domäne Berlin ist zugleich – nach allem, was man weiß – auch der älteste aktive Vampir in den Mauern der Stadt.
Der langen Geschichte jenes Ahnen, der den Berliner Vampiren unter den Namen Matthäus, zuweilen auch Malachäus oder Malachias bekannt ist, steht ein überraschendes Unwissen über seinen Hintergrund und seine Rolle in der Berliner Geschichte entgegen.
Der Zweite Weltkrieg mit seinen Verwüstungen trennt – wie es aussieht: auf alle Zeit – die Vergangenheit der Stadt von ihrer jüngeren Geschichte. Und selbst jene Vampire, die – wie Magdalena – noch die Zeit vor dem Krieg in Berlin erlebt haben, scheinen über die Vergangenheit des Abtes wenig zu wissen. Oder nichts zu verraten.
![]()
M A L A C H Ä U S
Mit einiger Sicherheit steht fest, dass der Name “Malachäus” oder “Malachias” in früheren Schriften der Domäne – von denen heute kaum noch welche erhalten sind, die meisten bekannten Schriften waren im Besitz des Marius – auftauchte, und zwar wohl bis in das 17. Jahrhundert hinein.
Ob besagter Name aber tatsächlich den Abt meint oder dessen Erschaffer – wie einige sagen – ist unbekannt.
Soweit man sich erinnert, war laut einem alten, einst von Marius bei einem Salon ausgestellten Dokument ein Mahr namens Malachias der Erste der Dunklen Kirche Mitte des 18. Jahrhunderts. Es kursieren flüchtige Gerüchte, die andeuten, die Kirche habe zu jener Zeit eine Allianz mit den Unbezwingbaren geschlossen, die mit dem “Blut von Hexen” besiegelt wurde. Eine andere Legende besagt, dass der “Fürst”, wer immer das zu jener Zeit gewesen sein soll, seine Alliierten im Sanktum verriet und einen machtvollen Anführer der Kirche ermorden ließ, um ihn sich vom Hals zu schaffen.
![]()
D E R S Ü N D E R K Ö N I G
Der Legende nach war Matthäus vor seiner Erschaffung entweder ein Geistlicher oder der ärgste Sünder, den man sich vorstellen kann. Nicht zuletzt weil sie wesentlich unterhaltsamer ist neigen die Kinder der Nacht Berlins dazu, die zweite Version zu glauben.
Jene besagt, dass Matthäus im Leben nicht nur ein Lügner und Betrüger, sondern ein Mörder und Schänder der übelsten Sorte gewesen sei. Lange bevor sich das Verbrechen in irgend einer Art organisierte, unterjochte er geringere Kriminelle durch eine Mischung aus nackter Gewalt und Einschüchterung.
Eine isolierte Erzählung sieht Matthäus als Piraten auf der Ostsee, ja, sogar als Weggefährten Stoertebekers, was von ernsthafteren Kennern der vampirischen Geschichte aber verlacht wird – immerhin müsste Matthias dann schon vor 1400 gelebt haben!
Unklar bleibt auch, ob Matthäus “blutiger Schreckensweg” sich in Berlin, im Märkischen – als Raubritter? – oder in der Fremde zutrug. Floh er in die Ödnis der Mark, da sich die Häscher mehrerer Städte dem Schändlichen an die Fersen geheftet hatten, wie einige sagen, oder kam er erst viele Jahrzehnte später und schon als Novize unter Führung seines Meisters nach Berlin, eines Nosferatu der vom Sanktum verehrten Gezemaneh-Linie?
Und wie steht es um neuere Gerüchte, nach denen niemand anders als der Abt der Drahtzieher des organisierten Verbrechens in Berlin sei? Der die Schändlichen und Schrecklichen schützt und ihre Tage auf Erden vergoldet, auf dass das Elend der Welt immer größer werde, der Artige verdorben, der Keusche verführt, der Reine befleckt werde? Und gehen diese Gerüchte nicht wunderbar mit jenen geflüsterten Erzählungen zusammen, nach denen eine “Kabale des Grauens” erst im Frühjahr 2007 versuchte, durch dunklen Zauber ein alttestamentarisches Übel über Berlin auszugießen?
Ist jene Kabale – oder Abtei? – etwa identisch mit der Corona Obscura? Oder gar dem Quell all dunklen Schreckens in Berlin, der Nox Aeterna?
![]()
S C H W A R Z E M E S S E R
Die “Nacht der schwarzen Messer” ist eines der wenigen gut belegten und trotzdem von unzähligen einander widersprechenden Legenden umlagerten Ereignisse der Domäne Berlin.
Sie trug sich zu im späten Herbst des Jahres 1842, und in ihr fiel eine Gruppe vermummter Gestalten – in einigen Erzählungen: Mönche in schwarzen Roben, ganz so wie jene, die der Abt trägt – über das Elysium der Domäne her, überwältigten den “Statthalter” und dessen Verbündete, ermordeten zahlreiche Unbezwingbare und verschleppten andere in die Tiefen geheimer Grüfte, wo diese – schreiend und unter Qualen – eingemauert und in Schwärze versenkt wurden.
Dass jene Nacht sich tatsächlich zugetragen hat, daran gibt es wenig Zweifel. Was aber die Hintergründe jenes Verbrechens waren, wer die “Vermummten” waren, ob sie zur Nox Aeterna gehörten, zur gefürchteten VII oder zu einer verbotenen häretischen Splittergruppe des Sanktums, ist gänzlich unbekannt. Auf Letzteres wiese der deutlich gesunkene Stand des Sanktums in den folgenden Jahren hin: Die wenigen verbliebenen Quellen sprechen nur selten von den Heiligen, und so einmal das Wort eines Heiligen auf einem Danse Macabre überliefert ist, bleibt sein Ruf unbeachtet und sein Bund ein Zaungast der Ereignisse, die sich in Berlin zutragen.
![]()
S C H R E C K E N
Eine gewisse Zeit lang waren die Kabalen der Domäne Berlin entlang ihrer Blutzugehörigkeit organisiert. Und zu jener Zeit ist mit einiger Sicherheit eine “Kabale der Schrecken” belegt, welche nichts anderes als das “Haus der Nosferatu” zu sein scheint.
Im Zusammenhang mit jenem Haus ist für das Jahr 1853 auch der Name Matthäus belegt, was jene, welche in die unglücklichen Vorkommnisse des Frühjahrs 2007 involviert waren, zur geflüsterten Mutmaßung anregt, jene Kabale sei mit der “Kabale des Grauens” identisch, von denen einer der Mahre, die bei jenem Ritus gestört wurden, sprach (Schrecken oder Grauen, wo ist da schon der Unterschied?).
Soweit man hört – und zu glauben wagt – sei jene “Kabale des Grauens” für den Ritus 2007 verantwortlich, welcher durch die Kräfte der verderbten No Mercy hoffte, eine Art Sieche über “die Welt” (oder wenigstens die Berliner Herde) zu bringen. Laut den Worten jenes Mahres sollte so der Schrecken und das Elend der Welt vervielfacht, die Menschen zu Gott getrieben werden. Eine pervertierte Form der Lehre des Sanktums, die sich auch sehr harmonisch zu einigen der düstereren Predigten des Abtes fügt.
Leider entkam der besagte Mahr, der diese Informationen – oder Lügen – preis gab. Das Gerücht über eine Kabale des Grauens, die im Hintergrund der Domäne ihre Fäden spinne und auf Gelegenheiten lauere, das Elend der Stadt zu vergrößern und neue Kräfte des Alptraums zu entschlüsseln, hält sich jedenfalls hartnäckig.
Und kaum jemand glaubt so recht, dass dem als allwissend geltenden Priscus der Mahre all dies unbekannt sein soll…
Auffallend ist auch, wie schnell jene Ereignisse noch im selben Jahr 2007 dem Schweigen und Vergessen überantwortet wurden, trotzdem gut ein Dutzend Berliner Vampire Zeuge derselben waren und aktiven Anteil daran hatten. Wie ist es möglich, dass ein stadtbekanntes Ereignis nach wenigen Monaten schon in Lügen und Legenden zerfasert?
![]()
K E T Z E R E I
Das böse Wort der Ketzerei taucht immer wieder in jenen Erzählungen auf, die den Gegenstand des Ältesten der Mahre berühren.
So lautet eine Legende, dass es wenige Jahre vor der Austilgung des Hofes der Domäne in den Feuernächten des Zweiten Weltkrieges zu einem großen Konzil oder Disput der Dunklen Kirche in Berlin gekommen sein soll, bei der auch Würdenträger aus anderen Domänen zugegen waren.
Bei besagter Versammlung soll eine ganze Reihen von zu jenen Nächten zirkulierenden Schriften zur Ketzerei erklärt worden sein, darunter auch Schriften, die aus der Feder des Matthäus stammten oder diesem zugeschrieben wurden. Es geht sogar das Gerücht, dass Berlin zu jenen Zeiten das Herz einer reformatorischen Gegenbewegung innerhalb des Sanktums war. Was aber die Lehren jener “Dunklen Reformation” gewesen sein sollen, ist nicht überliefert.
Eine weitere Geschichte sagt, dass der Abt Matthäus sogar eine Art “Martin Luther der Verdammten” gewesen sei. Allerdings besagt jene Geschichte auch, dass jener Matthäus (oder Malachäus?) vom Konzil zum Tod im Schacht der strahlenden Freuden verurteilt worden und hingerichtet worden sein soll. Vertreter jener Überlieferung dichten gerne weiter, dass der heutige Matthäus bereits der dritte in der Linie jenes verfehmten Geschlechtes sei, dessen Begründer der Gezemaneh Malachias, dessen Kind Matthäus und dessen Enkel Malachäus sei, der sich heute Matthäus nennt, um über sein eher geringes Alter hinwegzutäuschen.
![]()
M A U E R N
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verliert sich die Spur des Matthäus. Ein Gerücht will ihn mit der Auslöschung des Berliner Hofes im Jahre 1940 in Verbindung bringen – eine Art Racheakt für die Ungerechtigkeiten, die er zu erdulden gehabt habe – aber belegt ist über sein Wirken zwischen 1920 und 1990 absolut nichts:
Die Kinder der Nacht außerhalb der Abtei verlieren ihn noch vor dem Krieg aus dem Blick, um erst bei Fall der Berliner Mauer wieder von ihm zu hören – indem sie erfahren, dass er der Herr von Ostberlin ist, eine Domäne unter gänzlicher Kontrolle der Abtei der Corona Obscura, ohne Bewohner irgend eines anderen Bundes gleich welcher Art.
Schon der Gedanke daran, was sich in jenen Jahren der Trennung im Ostteil der Stadt zugetragen haben mag, um eine faktisch ungekannte Kraft in alleinige und völlige Kontrolle der Domäne zu bringen, jagt Kindern der Nacht Berlins einen Schauer des Grauens über den Rücken. Ausnahmslos niemand kann sich vorstellen, dass es sich wirklich so verhält, wie die Abtei es seinerzeit auf dem ersten Hoftreffen nach Fall der Mauer 1992 angab:
Dass alle anderen im Laufe der Jahre in Ostberlin erschienenen Vampire sich freiwillig zur Kirche bekannt hätten.
![]()
F Ü R S T E N M O R D
Die Nacht des 29. Januars 2005 ist der vorerst letzte belegte Zeitpunkt, in dem sich des Abtes ganze grauenhafte Natur ungeschminkt zeigt:
Bei dem letzten Treffen der Schädelkabalen unter dem Regulum des alten Danse Macabre erhebt der Fürst der Unbezwingbaren Marius die Hand gegen den Abt – und bezahlt für diesen Akt mit seinem Verstand, und schließlich seinem Requiem:
Kaum getroffen, fährt der Abt herum und stößt einen so Grauen erregenden Schrei aus, dass alle Anwesenden bis ins Mark erschüttert werden. Der Fürst selbst aber bricht in den Klauen des Dämons, jener unheiligen Verbindung aus einem Vampir und einer unbekannten Macht des Alptraums, dergleichen keiner in Berlin je erlebt hat, zusammen.
Mitglieder der Sanguis Regiae berichten, dass der Fürst seit jener Nacht ein Schattendasein führte, sein Geist zerstört, seine Seele gespensterhaft, sein Leib immer mehr verzehrt, schreiend und wimmernd, bis er durch seinen Tod erlöst wird.
Jener Tod, im übrigen, ist weiterhin unaufgeklärt. Und weder die Unbezwungbaren noch sonst jemand scheint sonderlich erpicht darauf zu sein, die wahren Umstände von Marius’ Tod zu erfahren. Eine zeitlang hieß es, die geflohenen Erben des Marius Mordrred und Annabelle seien seine Mörder, doch Mordred kehrt 2007 nach Berlin zurück, und sieht sich von keiner Anklage verfolgt.
Was bleibt, ist das kalte Wissen darum, dass sich hinter den freundlichen Worten des Abtes, hinter seiner sanften Predigt und seiner von vielen geschätzten, ruhigen Art ein grauenhafter Ahnherr verbirgt, dessen Macht und Grenzen niemand kennt.
Und der jederzeit, wenn es ihm gefällt, ein Leben – wie das Lukulls – nimmt, ohne dass sich darüber Protest erheben würde.
Im Angesicht dieser Wahrheit scheinen carthianische Überlegungen einer Herrschaft durch Gesetz der blanke Hohn zu sein.
Die verlorene Legion
- von Götz “Hagermann” -
(mit Nachbearbeitungen von AAS)
Der Berliner Invictus, so heißt es, verfügt über eine Sammlung verschiedener Schriften des Berliner Hofes, die in ihrer Gesamtheit das so genannte “Liber Noctis” bilden.
Besagtes Archiv, so heißt es weiter, befinde sich in der Obhut von Faust, dem Notar der Unbezwingbaren, welcher im August 2007 den Berliner Thron bestieg. Und während man gemeinhin annimmt, die Abtei der Verdammten unter dem Ältesten der Nosferatu Matthäus verfüge über die meisten, weit in die Schatten der Domäne zurückreichenden Schriften, so soll es doch im Archiv des Invictus eine Schrift geben, die tatsächlich bis in römische Zeit zurückreicht.
Besagtes Dokument und die auf ihm notierte Begebenheit soll, so heißt es weiter, unter dem Invictus-Fürsten Marius als Warnung gelehrt worden sein, welch schlechten Einfluss das Reisen in die Gegend des heutigen Berlins einst gehabt haben könne, da dort möglicherweise ein sehr alter und kranker Artverwandter lebe, der über weite Entfernung den Wahn hervorrufe. Des weiten diehnte die Legende als Warnung, das kein Kind der
Nacht der Hybris erliegen solle, seinen eigenen Wahn und seine eigenen Gelüste mit dem Mantel, es diene den Vorgesetzten, zu bedecken.
Heute wird diese Geschichte nur noch sehr selten erzählt und existiert in etlichen Abwandlungen, die der jeweiligen “Nachtdoktrin” ensprechen. Eine solche Erzählung, nicht schlechter oder besser als andere, ist diese hier:
![]()
Zur Zeit, da endlich die Bataver niedergerungen waren, wurde der erste Speer der 12. Legion “Primigenia”, ein Mann namens Carus Unnus mit seiner Centurie und Reitern ausgesandt, die letzten versprengten aufständischen Tencteri jenseits des Rheins zur Strecke zu bringen.
Da sie ostwärts flogen, folgte er ihnen für viele Tage, bis er in das Gebiet der Lemovier kam. Des Nachts hatten er nunmehr Fieberträume und diese riefen ihn gen Norden. Er sollte in sein Verderben rennen, denn er blieb nicht standhaft, sondern folgte den Träumen.
Und dies ist, was geschah:
Als er seine Leute drei Tage des erschöpfenden Eilmarschs nach Norden geführt hatte, riefen die Träume ihm zu, dass niemals ein Römer dort gewesen sei und er nun in den Sümpfen ein Lager bauen sollte, um den Kaiser zu ehren. Er tat dies und seine Männer unterwarfen die Barbaren, die um sein Lager wohnten. Als die Siedlung befestigt war, sagten ihm die Träume, er solle jeden Barbar hinschlachten, der nicht seine Füße als des Kaisers Statthalter küssen wolle. Und so taten es viele der Wilden. Doch wiedersetzten sich einige und wurden gemartert und auf die trockenen Stellen in die Sümpfe geworfen, wo ihre Kadaver des Nachts von Wilden Tieren zerfetzt wurden.
Nunmehr sandte er gen Castra Vetera (heute bei Xanten), um die Zivilisierten von der freudigen Nachricht zu unterrichten, dass er, Carus Unnus, das Reich erweitert habe und dies fortsetzen werde.
Die Nachricht wurde vom Legaten der 12. Legion mit blankem Entsetzen aufgenommen. Es wurde beschlossen, eine Expedition unter einem Tribunus Angusticlavius zu entsenden, um den Fahnenflüchtigen zu strafen. Als diese Expedition das Lager fand, ließen sich dort die Legionäre von den Barbaren verehren. Sie aßen die berauschenden Pilze, die ihnen die Ungebildeten brachten und rauchten die Kräuter, die ihren Verstand umnebelten. Sie stritten sich roh, wer welche Sklavin besteigen dürfe. Und da ihnen der Wein ausgegangen war, tranken sie den verdorbenen Saft jedweder vergorenen Früchte und süßen Speisen.
Als der Tribun sah, wie die Männer sich in Wollust und Völlerei ergaben und behaupteten, dies im Namen Roms zu tun, überkam ihn der gerechte Zorn der Götter und er führte seine Männer an, um einen jeden, der sich in dem Lager befand, niederzustrecken. Als das Blut die Sümpfe rot färbte und die brennenden Lehm- und Holzhütten der Siedlung an diesem Abend die Nacht hell erleuchtete, ließ der Tribun jeden einzelnen Mann bei Jupiter und bei seinen Ahnen schwören, dass er niemals einem anderen von den Geschehnissen berichten dürfe. Nur er selbst, der Tribun, erstattete Bericht über die Vorkomnisse an diesem schrecklichen Ort.
![]()
Kritiker der Legende weisen natürlich darauf hin, dass nach allen geschichtlichen und archäologischen Erkenntnissen die Römer niemals auch nur in der Nähe des heutigen Berlin waren. Aber streng genommen bestreitet die Legende dies auch gar nicht.
Auch ist der oben wiedergegebene Teil der Legende nur der Kern, welcher egal in welcher Gewandung weitestgehend gleich bleibt, mit einer auffallenden Präzision was Namen und Umstände angeht.
Ausschweifender sind da die um die Legende gewobenen Lehren und Ausdeutungen derselben, die manches Mal einen “Schläfer” unter märkischem Sand sehen wollen, ein anderes Mal in der Legende den Ursprung der merkwürdigen Kreaturen der “Upierczi” sehen, welche in der Zeit der Nebel die ersten Vampire auf märkischem Boden plagten.
Nicht zuletzt wird die Legende und das in ihr angeschnittene “Barbarrenvolk” – je nach dessen zeitlicher Einsortierung Germanen oder Slawen, von denen es beides in dieser Region gegeben hat – gerne als Quell und Ursprung gar manchen obskuren Zaubers des Zirkels genannt. Egal, wie absurd jene Behauptung im Lichte des Vollmonds betrachtet zu sein scheint.
Der Salon des Blutes
Gerüchte und geflüsterte Erzählungen über den sogenannten “Salon Du Sang” sind streng genommen keine wahrhaftige Legende, da die Existenz des Salons völlig unstrittig ist. Von Legenden und Lügen umrankt ist aber, was hinter den verschlossenen Türenn des Salons vor sich geht, dessen Teilnehmer im Einzelnen niemand zu benennen weiß und deren Taten den Kindern der Nacht verborgen bleiben.
Der Salon Du Sang ist keine Kabale, kein Geheimkult. Und dennoch sind seine Teilnnehmer – ganz ähnlich den Partizipienten der legendären Hellfire Clubs früherer Zeiten – eine verschworene und verschwiegene Gemeinschaft.
Soweit man außerhalb desselben weiß, steht der Salon Du Sang in der Tradition früherer, dekadenter Treffen Berliner Kabalen und Kreise, obgleich unklar ist, wer die Tradition des Salons einst begründet hat. So sagen einige, der Salon gehe auf die hedonistischen Parties des Haus der Schmerzen zurück. Andere sagen, das Haus der Schmerzen selbst habe seine Treffen auf Basis älterer Treffen eines obskuren “Haus der Todsünde” oder eines verfehmten heidnischen Baphomet- oder Bacchus-Kults gestaltet.
Wieder andere sagen, diese und andere, noch dunklere Gerüchte, die das Treiben auf dem Salon des Blutes sogar mit Teufelsanbetung in Verbindung bringen, seien von den Veranstaltern des Salon Du Sang gezielt in Umlauf gebracht worden, um dem Salon einen Hauch sündiger Verderbtheit und verbotenen Reiz zu geben. Und dadurch die entsprechende “Klientel” anzulocken.
Einig sind sich die Kinder der Nacht, dass der aktuelle Salon Du Sang durch Uräus, den Konsul des Ersten Standes, veranstaltet wird. Wie dies mit der gesellschaftlich zutiefst anrüchigen Vergangenheit des Salons zusammengehen soll, ist unklar – es heißt aber, dass einige der hochrangigsten Vampire der Domäne hinter den verschlossenen Türen des Salons ihren über die Jahre des Requiems degenerierten und pervertierten Gelüsten nachgehen.
Auch heißt es, die Salon-Gäste würde der heiklen Praxis des Blutkostens nachgehen, worin Vampire eben so langsam und wenig voneinander trinken, dass sie zwar den Rausch der Extase des Trinkens fühlen, indes ohne dem Blutband anheim zu fallen. Einige gehen sogar soweit zu spekulieren, die Teilnehmer des Salons besäßen eine obskure Essenz, eine Art Droge, die, einmal eingenommen, für die Dauer weniger flüchtiger Stunden die bindende Kraft des Blutes zu unterdrücken (oder zu überwinden) ermögliche.
Skeptiker dieser Darstellung weisen es schlicht von der Hand, dass es überhaupt möglich sei, den Fluch des Vinculums “auszutricksen”, und befürchten, die Vampire des Salons seien allesamt untereinander gebunden – oder zumindest zutiefst der frevelhafte Blutgier anheim gefallen, welche man allen nnachsagt, die zu oft vom Blut der Verdammten kosten. Jene sagen, der Salon sei tatsächlich eine eigenständige, diskret operierende Kabale, die womöglich aus den Schatten heraus von der Nox Aeterna kontrolliert werde – wenn er nicht gar mit ihr identisch sei.
Was immer die Wahrheit ist: Uräus scheint sich in seiner Eigenschaft als Gastgeber des Salons annähernd unangreifbar zu fühlen. Soweit es sich beim Salon Du Sang nur um ein perverses Blutfest halten sollte, erfüllt jenes Treffen offenbar ein Basisbedürfnis bestimmter Vampire, die jene Treffen gewiss auch zur geheimen Absprache von Geschäften verwenden werden.
Carpe noctem, immerhin.
Die Legende der Unterstadt
- von Moritz “Severin” -
(mit Überarbeitungen durch AAS)
Eine andere, wenngleich von nicht allzu vielen Berliner Kindern der Nacht Ernst genommene Legende der Berliner Schattengesellschaft bezieht sich auf eine alte Siedlung, die lange vor dem heutigen Berlin auf dem selben Grund errichtet gewesen sein soll. Präzise diese Behauptung gibt Kritikern der Legende natürlich das beste Futter in die Hand: Wenn Berlin selbst um den Zeitpunkt seiner ersten urkundlichen Erwähnung herum kaum mehr als eine Ansammlung von Fischerhütten auf Sumpfboden war, wie soll noch davor hier etwas gestanden haben? Am Ende auch noch etwas aus Stein und in den Untergrund gebaut – ein Unterfangen, dass selbst heute auf märkischem Sand seine Tücken hat?
Wie genau diese Siedlung ausgesehen haben mag, ist nicht Teil der Legende. Aber: sie sei aus Stein gebaut und ein Hort übelster Sünden gewesen. Vor allem dunkle Götter sollen dort verehrt worden sein und noch andere Kreaturen als Menschen und Vampire dort gehaust haben.
Ob diese Götzenverehrung in irgendeiner Verbinung mit den Praktiken vom Zirkel der Mutter oder doch eher Belials Brut oder vielleicht ganz anderer Kabalen steht, ist unklar. Was jedoch als sicher gilt, ist, dass wenn es diese Grauensiedlung tatsächlich einmal gegeben hat, sie wohl vor mehr über Tausend Jahren zerstört oder, wie es heißt, verschüttet wurde.
Wie eine Siedlung ohne einen nahegelegen Vulkan einfach so verschüttet werden kann, wird dabei nicht erklärt. Wenn man schon – höhnen Zweifler – einen Unsinn einer frühen Vor-Siedlung erzählt, so hätte man diese doch wenigstens ganz im Stile des Hauses Usher im Sumpf versinkn lassen können. Das wäre dann wenigstens ein k l e i n wenig glaubhaft.
Verschüttet oder versunken: Mitglieder im Sanktum würden es wohl ein Wunder und Gottes verdiente Strafe für die sündhafte Verehrung fremder Götzen und sonstiger Verfehlungen nennen. Und damit die ganze Legende letztlich eine Variante biblischer Überlieferungen von Sodom, Gomorrha oder Babylon.
Fest steht nur, dass die Siedlung bereits auf die eine oder andere Weise verschwunden sein muss, als die ersten Menschen, von denen Schriftstücke erhalten blieben – Christen, also – die damalige Mark besiedelten, da in keiner (bekannten) Niederschrift von solcher Siedlung die Rede ist.
Der eigentliche Kern der Legende ist nun, dass diese alten steinernen Stätten immer noch existieren. Und zwar tief unter dem heutigen Berlin. Dass es gut möglich ist, dass dort immer noch Bewohner der ehemaligen Siedlung verschüttet seien oder in Starre lägen und auf Gesellschaft und Blut hofften. Und das die Macht der alten Götter in den verlassenen Kultstätten immer noch stark sein soll.
Dies, zumindest, hat einen gewissen wahren Kern. Denn soviel weiß man doch von den Gängen und Gewölben unter Berlin: Dass sie, trotz aller Widernisse von Sumpf und Sand, Havelwassern und Umgrabungen moderner Bauvorhaben, zu großen Teilen unbekannt sind. Und in sich selbst wenn nicht vom Bösen, so doch zumindest vom Makaberen erfüllt. Es vergeht in Berlin kein Woche, in der nicht die Autopsie zu einer Baugrube gerufen würde, weil der Berliner Boden einen weiteren Leichnahm freigab. Zwar sind diese natürlich zumeist Opfer des Weltkrieges, verschüttet unter Trümmern, planiert, überbaut und vergessen, nun zufällig freigelegt – aber so durchtränkt von Blut und Asche und Elend wie dieser Boden ist, wie sollte ihm da etwas anderes entspringen – oder entsteigen – als das, was selbst dunkel ist, fett gemästet am Grauen der Welt. Und dem Lauf der Dinge.
Wie man dorthin, zu den verborgenen, tiefen Stätten unter Berlin, gelngen kann, wird in den Legenden nicht beantwortet. Auch nicht, wo unter dem riesigen Berlin die vergessenen Tempelstätten begraben sind. Doch muss diese Unterstadt nach den Erzählungen noch weit tiefer als die Berliner Kanalisation liegen. Unter dem Grundwasser, sogar. Und einige flüstern, dass die geheimnisvollen Rattenkinder einen Weg dorthin wüssten, ja, möglicherweise Teile der verschütteten Anlagen nun selbst bevölkern sollen.
Vielleicht, so sagt man, wären sie für den richtigen Preis bereit, einen dorthin zu geleiten. Doch stellt sich dann die Frage: wer könnte das überhaupt wollen? Bisher ist jedenfalls noch keiner diesen Weg angetreten. Und wenn es doch jemand versucht haben soll, scheint er nicht mehr zuückgekommen zu sein, um davon zu berichten.
Die Legende vom Rattenkönig
– von Andreas “Absalom” N. –
Schon seit langem erzählt man sich die Legende vom Rattenkönig unter den Kindern der Nacht – und auch über diese illustren Kreise hinaus. Doch wie viele Legenden, hat auch diese die Tendenz dazu über die Jahre hinweg in Vergessenheit zu geraten, nur um dann wieder erneut im Flüsterton erzählt zu werden und so bleibt diese Legende, die älter zu sein scheint als die meisten Kinder der Nacht in Berlin sich erinnern könnten, unsterblich und auf ewig verbunden mit der Domäne Berlin.
Die Legende spricht dem Rattenkönig zu, dass er einst ein Mensch gewesen sein soll, der seine Jugend in einem vom Krieg gebeutelten Deutschland zubringen musste, dessen Bürger an Armut und Hunger litten und sich in den kalten Wintermonaten um die Kriegsfeuer scharten, um sich die erfrorenen Körper daran zu wärmen.
Niemand ist sich sicher, von welchem Krieg hier die Rede ist, denn wie es mit Legenden nun mal so ist, es gibt sie in so vielen Varianten, wie es Erzähler gibt. War es der Dreißigjährige Krieg? Vielleicht der erste Weltkrieg oder doch erst der zweite Weltkrieg? Deutschland hat mehr als genug Kriege gesehen.
Aber man erzählt sich von einem Mann, einem Mann dessen Name nie in der Legende genannt wird, sei es aus Angst, dass er ihn hören und erneut erscheinen könnte, oder sei es, weil er in Vergessenheit geraten ist.
Vom Hunger getrieben und dem Wahnsinn nahe, schlich er von Leichengrube zu Leichengrube, von Massengrab zu Massengrab, denn die Menschen kamen nicht mehr hinterher, ihre Toten zu begraben.
So kauerte er zwischen den Toten und riss ihr Fleisch und nagte es von den Gebeinen der Gefallenen, damit er nicht verhungern müsste, denn der Wille zu Überleben war stark in ihm.
Doch waren die Stätten des Todes stets ein Hort der Sieche und Seuchen und so pflanzte sich mit jedem Fetzen Fleisch, das er stahl, eine Seuche in seinen Körper und vergiftete seinen Geist mit dem Wahnsinn.
Wandelte er zunächst noch unerkannt und unbehelligt durch die Straßen, begannen die Menschen nun, ihn zu erkennen. Auch wenn sie ihn nie gesehen hatten, ihn nie ein Mensch bei seinen schändlichen Taten beobachtet hatte, so erkannten sie ihn doch als das was er war. Und sie jagten ihn, wo sie nur konnten.
Ausgestoßen aus der Gemeinschaft der Menschen war er nun. Und wieder musste er tun, was zu tun war um zu überleben – er ging in den Untergrund und da soll er auch heute noch sein, umherstreifend durch die Kanalisation, die U-Bahnschächte, durch die Katakomben und Krypten, auf ewig ausgestoßen, dazu verdammt, des Menschen Aasfresser zu sein.
Man erzählt sich, dass er durch seine schrecklichen Taten einen Fluch auf sich geladen haben soll, der ihn auf ewig von den Menschen entfernt. Er soll verdammt sein, nicht zu sterben. Das Feuer, das die Menschen wärmte und um das sie sich versammelten, sollte ihm keinen Trost und keine Wärme mehr spenden, sondern sollte ihm zur Nemesis werden. Auf ewig sollte der Hunger an ihm nagen, es sei denn er würde seine schändlichen Gräueltaten aufs Neue wiederholen.
Und so erzählt man sich, dass er von Zeit zu Zeit, wenn der Hunger zu sehr an ihm zu nagen beginnt, aus den Schächten gekrochen kommt, und in Lumpen gehüllt auf den Friedhöfen umherstreunt. Dort soll er die Gräber durchwühlen, mit den Knochen klappern, das Mark aus ihnen saugen und das faulige Fleisch von ihnen nagen.
Stets wagt er es nur bei Nacht an die Oberfläche zu kommen, aus Angst, die Menschen könnten ihn erneut jagen, ist es doch Teil seines Fluches, dass sie ihn immer als das sehen, was er ist. Ghul nennen die Menschen ihn, den Leichenfresser, Schänder der Toten und Seuchenträger.
Doch es heißt auch, er habe in den Tiefen der Unterwelt eine neue Familie gefunden. Die Ratten, seinesgleichen, fressen doch auch sie von den Leichen und tragen die Pest mit sich. Sie sind ihm treu ergeben, sind ihm Freund und Familie, Diener und Beschützer. Es heißt er könne mit ihnen sprechen und sie würden selbst ohne Worte auf ihn hören und seinen Willen erfüllen.
Deswegen nennt man ihn den Rattenkönig. Und die Ratten sind seine Kinder.
Die Legende vom Klosterbusch
Die Kinder der Nacht der Domäne Berlin – jene, die nicht der Abtei der Corona Obscura angehören – erzählen sich, dass im Osten der Stadt, irgendwo zwischen verfallenen Industriehöfen und zersprengten Ruinen, welche die Lebenden instinktiv meiden, die Abtei der Geheiligten stehen soll.
Was sie für ein Gebäude sei – eine Fabrik aus schwarzen Ziegeln, ein Gewirr alter Bunkerstollen, eine vergessene Belegschaftskirche, die vergessene Krypta einer Kirche, die lang schon abgerissen wurde – darüber gehen die Meinungen auseinander.
Aber sie soll einen Garten oder Hof haben, darauf ein schwarzer Dornenstrauch wächst.
Jener Klosterbusch soll eine seltsame Kraft besitzen: Jene Sterblichen, welche einsam sind und verloren in ihrem Leben, werden vom Busch durch einen Zauber gerufen. Irrend durch die Straßen der Stadt, kein festes Ziel vor Augen, finden sie sich vor jenem Busch wieder. Setzen sich nieder. Und hängen ihren Gedanken nach.
So abgelenkt sind sie von allem um sie herum, dass es den Mitgliedern der Abtei leicht fällt, von ihnen zu trinken. Graue Gestalten nähern sich dem Ahnungslosen, der von der Trauer seines Lebens trinkt, wie sie an seinem Blut sich laben.
So gelingt es der Legende nach der Abtei, die ihrigen zu nähren, ohne dass diese auf Jagd gehen müssen. Frei sollen sie so sein, ihrem dunklen Werk und der Wahrung der Schriften nachzugehen. Unabgelenkt.
Von einigen der Freien, die hungernd gehen am kargen Rand der Ödnis Berlins, hörte man schon, dass sie, nachdem sie diese Legende gehört haben, das Gewand der Mönche anlegten, um sich von der Last des Jagens und dem Schmerz des Hungers zu erlösen.
Was aus ihnen geworden sein mag? Wer weiß schon, wohin diejenigen verschwinden, nach denen keiner sieht und die keiner je vermisst?
*)
