Ruinen
Der Krieg ließ nicht viel zurück. Die Kabalen zerstreuten sich. Es waren so viele verbrannt, so viele verschwunden, dass Blut für alle genug da war.
Die Überlebenden wurden zu Fürsten ihrer eigenen kleinen Domänen in der Trümmerstadt Berlin. Kontakt war spärlich. Bis fremde Vampire von außerhalb kamen.
In die Stadt gelockt vom Überfluss der Nahrung. Auswärtige. Störenfriede.
![]()
Ruinengeister
“Ruinengeist” ist das (Schimpf-)Wort der eingesessenen Erstblute für jene Vampire, die in den zwei Dekaden nach dem “Jahr der toten Steine” (1945) in Berlin ankommen.
Während der bekannteste und berüchtigtste jener Ruinengeister zweifellos die Daeva Pandora ist, welche im Westteil der Stadt für erhebliche Unruhe sorgen wird, zählen pikanter Weise auch heute höchst angesehene Vampire wie etwa der Fürst Grigori zu den “Ruinengeistern”.
Dies ist insofern bemerkenswert, da es ein ziemlich offenes Geheimnis ist, dass die alteingesessenen “Erstblute” der Domäne nicht nur eine gemeinsame Geschichte, sondern auch gemeinsame, tödliche Geheimnisse haben. Zusammengeschweißt im Goldenen Käfig der Domäne, sind sie über jede Bluts- und Bundgrenze hinweg eine verschworene Gemeinde, der es in keinem Falle gefallen kann, von einem “Auswärtigen” beherrscht zu werden.
Gerade das wiederum scheint den Fürsten aber auf dem Thron zu halten: Jedes der Erstblute wäre für irgendein anderes Erstblut auf dem Thron indiskutabel – aus verschiedensten, meist blutigen Gründen. Jeder Thronwechsel birgt damit die Gefahr, alte Konflikte aus der verborgenen Vergangenheit Berlins empor zu rufen – was nicht im Interesse irgend eines jüngeren bzw. neueren Mitglied der Domäne Berlin sein kann.
Somit ist Grigori – nolens volens – der wahrhaftige Bewahrer des Friedens in Berlin. Und sein Abdanken – oder Tod – ein fürwahr Besorgnis erregendes Szenario.
![]()
Risse
Schon vor der formellen Teilung der Domäne Berlin in West und Ost zeichnen sich grobe Verwerfungen des Berliner Gebietes in zwei Hemisphären ab:
Nachdem die Kriegsfeuer verloschen sind, meldet sich zur völligen Überraschung der anderen Überlebenden Marius, das Kind des Fürsten, zu Wort, und ruft sich als “Erben” Albrechts zum neuen Fürsten der Großdomäne aus.
Darin widerspricht ihm im übrigen auch niemand. Was aber daran liegen mag, dass von jener stolzen Verkündung im kriegswirren Berlin niemand erfährt. Wie die Kinder der Nacht in jener Zeit der Ruinen überhaupt miteinander in Kontakt standen, ist höchst fraglich. Mehrere erhaltene Dokumente (und viele Erzählungen der Überlebenden des Krieges) weisen aber darauf hin, dass “der eine Hof oft nicht wusste, was der andere Hof tat”.
Marius ist also Fürst über Berlin, und große Teile Berlins wissen nichts davon. Sein Sitz ist zunächst das im Krieg teilweise zerstörte Schloss Charlottenburg, später das etwas zentraler gelegene Gebäude des Amtsgerichts Wedding (insofern von Bedeutung, da dieses die spätere Nordverlagerung des Westberliner Invictusgebietes vorzeichnet).
Im Sovietsektor von Berlin (Ostberlin) mögen einzelne Vampire der Stadt leben – bekannt ist davon allerdings offenbar nichts (Matthäus selbst gilt schon seit den Zwanziger Jahren als verschwunden und taucht im Bewusstsein der Berliner Vampire völlig überraschend erst wieder mit Fall der Mauer auf).
Von einer Existenz der Ordo Dracul, des Zirkels oder der Bewegung ist “dem Hof” der Domäne nichts bekannt. Da besagter Hof des Marius die einzige (bekannte) Schriftquelle jener Tage ist, ist somit für die unmittelbare Nachkriegszeit von den Kinder der Nacht außerhalb des Invictus (genauer: der Sanguis Regiae) nichts überliefert.
*)