Mauerfall
Wie die Kinder des Tages, so haben die Kinder der Nacht Berlins wahrhaftig nicht mit dem Mauerfall gerechnet.
Und tatsächlich dauert es eine erstaunlich lange Zeit – Spannen von bis zu drei Jahren sind im Gespräch – dass es zu wahrhaftem, ersten Kontakt zwischen Ost und West kommt.
Eine Schlüsselfunktion kommt hierbei dem neuen Amt des “Charons” zu, der nichts Geringeres als der Bote und auch Parlamentär der einzelnen Fraktionen in Ost- und Westberlin ist. Dass alle Kabalen mehr oder weniger gleichzeitig auf die Idee verfallen, ein solches Amt zu schaffen und es auch gleich zu benennen – bzw. diese Idee in rasender Geschwindigkeit zu übernehmen – scheint mehr als nur ein wenig merkwürdig zu sein, ist aber bald vergessen.
Die Domäne Westberlin wird zu jenem Zeitpunkt (wie überhaupt ganz Berlin) von der Invictus-Kabale der “Sanguis Regiae” um den Ventrue-Fürsten Marius beansprucht, der aber faktisch nur den Norden der Weststadt kontrolliert. Der Süden der Domäne Westberlin ist das Revier der Freien des “Haus der Schmerzen” unter der Daeva Pandora, unterdessen die Mitte Westberlins in Form eines Keiles zwischen Haus und Hof durch die Lancea-Kabale der “Schattentäufer” um den Mekhet Iontius beherrscht wird.
Dem gegenüber wirkt der Osten der Stadt öd und leer, wird aber tatsächlich zur Gänze von der Lancea-Kabale der “Corona Obscura” unter dem Nosferatu-Abt Matthäus beansprucht – und auch wahrhaftig beherrscht (wie einige allzu forsche Freie sehr schnell feststellen müssen).
Wie von Haus und Hof befürchtet, kommt es innerhalb weniger Monde zu einer Vereinigung der Kirchen von West und Ost: Die Corona Obscura bleibt als Abtei erhalten, die Leitung der Kirche aber fällt an den Erzbischof Iontius, dessen Schattentäufer zum Symbol der Furcht in der Domäne werden.
Da eine Allianz zwischen Sanguis Regiae und Haus der Schmerzen gänzlich ausgeschlossen ist, stehen alle Zeichen in Richtung eines Machtwechsels in Berlin: Über kurz oder lang, so ist jedem klar, wird Berlin eine Diözese der Lancea Sancta unter dem Schattenbischof Iontius werden.
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1 9 9 5 : K R E U Z Z U G
Im “Jahr der Läuterung” 1995 schlägt die vereinte Macht der Dunklen Kirche gegen den im (Süd-)Westen beheimateten “Mitternachtszirkel” los, eine je nach Standpunkt dem Zirkel der Mutter oder Belials Brut zuzuordnende Kabale, deren Wirken (und möglicher Weise bevorstehede Allianz zum Haus der Schmerzen) speziell Marius ein Dorn im Auge ist.
Wie es zum Kreuzzug gegen den Mitternachtszirkel kommt, ist heute nicht mehr ganz klar: Einige sagen, der Impuls sei von Marius ausgegangen, der die Vernichtung der Heiden “befohlen” habe, andere sagen, Iontius habe mit der Ausrufung des Kreuzzuges ein Signal seiner Macht setzen, die Unfähigkeit und Schwäche Marius’ beweisen und dadurch den Thronwechsel herbeiführen wollen.
Zwar gelingt den Geheiligten die Vernichtung des Zirkels – der Preis dieses Sieges aber ist unerwartet hoch:
Nicht nur findet die größte Zahl der Täufer den Tod, auch Iontius selbst fällt bei der finalen Konfrontation des Hierophanten der Vernichtung anheim, ehe auch der letzte Rest des Zirkels ausgebrannt werden kann.
Das “Scheitern” der Dunklen Kirche wirft Fragen auf. Und vergiftet die Stimmung in der Domäne weiter. Gerüchte kursieren, die hinter einigen Toden kämpfender Täufer tatsächlich Angriffe von Seiten des Hofes oder des Hauses vermuten. Andere sprechen davon, dass Täufer spurlos verschwunden oder im Schlaf von gedungenen Moroi überfallen worden seien. Wieder andere flüstern, dass der gesamte Kreuzzug durch die Nox Aeterna dirigiert worden sei, die damit das Ungleichgewicht in der Domäne erhalten wolle, um sie des Leichteren zu Fall bringen zu können.
Und nicht eben wenige weisen auf das “Detail” hin, dass die von den “Götzen” des Zirkels verliehene Macht vielleicht schlicht stärker gewesen sein könnte als die Macht “Gottes” auf Seiten des Sanktums.
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1 9 9 8 : P A Z U Z U
Der Untergang der Schattentäufer im Kreuzzug gegen den Mitternachtszirkel lässt ein Vakuum zurück, welches ohne viele Worte von der Corona Obscura und den Nosferatu-Ahn Matthäus gefüllt wird.
Während die Dunkle Kirche einen Prozess der leisen Reformationen durchläuft, wecken aufflammende Gerüchte um die Kabale der Nox Aeterna die Sorge sowohl des Hauses als auch des Hofes. Ja, man kann sogar sagen, dass eine regelrechte “Nox Aeterna Hysterie” um sich greift, die in zahllosen Umständen und Legenden das Wirken jener ominösen (und nochmals: rein spekulativen) Gruppe vermuten.
Diese Grundstimmung macht sich eine Kabale junger Vampire zunutze, indem sie sich just dieses Namens bedient und gezielt Gerüchte streut, durch die sie sich zur neuen Machtfraktion innerhalb der Domäne aufzuschwingen hofft. Tatsächlich sind die Mitglieder der Kabale wie sich im Laufe des “Jahr des Pazuzu” 1998 herausstellt eine reichlich naive Gruppe junger Vampire, die unter Leitung eines zwar charismatischen, aber ebeno naiven Daeva glauben die erwählten Kinder des persischen (oder babylonischen) “Blutgottes Pazuzu” zu sein.
Nachdem es den Anverwandten der Domäne erst einmal gelingt, die Wahrheit hinter dem über Monate herrschenden “Nox Aeterna Spuk” zu entlarven, machen diese mit den irregeleiteten Welpen von “Pazuzus Brut” kurzen Prozess.
Die ganze Angelegenheit ist allen – und speziell den Verschwörungs-Freunden, die am Lautesten “Nox Aeterna” geschrien haben – fürchterlich peinlich, und eigentlich wäre die ganze Sache auch nicht weiter erwähnenswert … wenn nicht eben jener Fall das erste gemeinsame Agieren von Haus und Hof dargestellt hätte, das ein wichtiges Fundament für die spätere Bildung des Danse Macabre und die Anerkennung des Hauses als “ordentliche Kabale der Domäne” haben sollte: Die gute Zusammenarbeit und den relativen “Gehorsam” des Hauses im Hinterkopf, konnte Marius dem (ohnehin offenkundig unbezwingbaren) Haus die Hand reichen, ohne sich vollends der Lächerlichkeit preis zu geben (das hatte sein Kind Annabelle bereits in den Siebzigern für ihn besorgt, vielen Dank).
Nur vereinzelt hört man heute noch Stimmen, denen auffällt, dass – sollte es die Nox Aeterna geben – diese in den Jahren nach der durch sie selbst orchestrierten Zerschlagung der Schattentäufer überhaupt nichts Besseres hätte tun können, um von sich abzulenken, als eben eine Gruppe lachhafter Welpen als Nox-Spuk ans Messer zu liefern. Und so alle warnenden Stimmen der Lächerlichkeit preis zu geben …
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