Industrialisierung
Während das Zeitalter der Industrialisierung ausgehend von England ab etwa Mitte des 18. Jahrhunderts am Anbrechen ist, wird Deutschland erst etwa 100 Jahre später voll von der Hochindustrialisierung erfasst.
Mit dem kompletten Wandel der bis dato vor allem agrarisch geprägten Struktur Deutschlands zu einem Industriestaat gehen massive politische und spirituelle Umwälzungen einher – und nie gekannte Bevölkerungsbewegungen weg vom Land und hin in die rasch wachsenden Städte. Auch im Berliner Raum.
Es ist schwer, sich heute wirklich vorzustellen, welche außerordentliche Wirkung diese Umwälzungen auf die Kinder der Nacht im Großen und Ganzen und die Berliner Anverwandten im Speziellen gehabt haben mögen. Unzweifelhaft aber ist, dass diese Umwälzungen auf den Danse Macabre, die Gesellschaft der Untoten, erheblichen Einfluss hatten.
Sofern die nun immer mehr mit “Fakten” (oder sagen wir lieber: steigender Zahl zur Verfügung stehender Quellen) belegbaren Überlieferungen der Berliner Kinder der Nacht stimmen, existiert erst seit der jetzt stattfindenden Industrialisierung eine wirkliche, größere Vampirbevölkerung in Berlin.
Und damit auch ein erster “echter” Schattenhof der Vampire. Und ein erster, “echter” Fürst.
Mit der wachsenden Zahl der Gefäße in den Städten ging ganz natürlich auch eine Ballung ihrer Jäger einher, die sich lernen mussten zu arrangieren.
Es mag gut zu dieser Zeit gewesen sein, dass die großen Bünde und ihre lokalen Kabalen wahrhaftig das erste Mal entstanden, wenngleich die Kinder Longinus’ natürlich behaupten, so alt zu sein wie das Christentum selbst, ebenso wie der Bund des Invictus von sich sagt, die erste aller Verbindungen der Vampire gewesen zu sein, und wiewohl es auch in Berlin dafür Belege gibt, dass wenigstens einige der heutigen großen Bünde in dieser oder anderer Form auch im Berliner Raum schon früher präsent waren.
Sei es wie es sei, die Bildung der großen Herden der Städte muss die Vampire angezogen haben wie Licht Motten anzieht, und die vormals einzelgängerischen Vampire mussten mehr Nähe erdulden, als ihnen lieb sein konnte.
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Das Jahr des Verrates
Das Ereignis, welches am Ende des frühen Dämmerlichtes steht und den Beginn der Zeit der Industrialisierung in Berlin bildet, ist eine Hofversammlung im Jahre 1840.
Über jene Versammlung, ihren Anlass, Verlauf und ihr Resultat soll es in früherer Zeit mindestens ebenso viele Versionen gegeben haben, wie es Vampire in Berlin gibt.
Das Hoftreffen von 1840 stellt einen “blinden Punkt” in der Geschichte Berlins dar, und zwar in doppelter Hinsicht: Erstens, weil es eben so viele Versionen zum Verlauf des Treffens gegeben haben soll – und zweitens, weil von allen diesen Versionen heute keine einzige mehr bekannt ist.
Wer oder was auch immer ein Interesse daran gehabt haben mag, dieses Treffen der Vergessenheit anheim fallen zu lassen: Es scheint gelungen.
Zwei aus dem Nebel der Ewigkeit heraufdämmernde Begriffe geben eine Ahnung davon, welche Ereignisse sich an jenes Treffen anschlossen:
1841 wird “das Jahr der Scherben” genannt. Und 1842 beendet “das Jahr der schwarzen Messer” was immer vorher geschehen war.
Besonders skurril erscheint interessierten Vampiren, dass über viele frühere Ereignisse zahlreiche Dinge mehr bekannt sind, das genaue Jahr ihres Geschehens aber nicht auszumachen ist. Dass über diese drei Jahre hingegen absolut nichts bekannt ist, dafür aber die exakte Jahreszahl, scheint unbegreiflich. Und mehr als etwas unheimlich.
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Die Ära der Blutreine
Viele Jahre gehen ins Land, ehe wieder Ereignisse überliefert werden. So soll sich im Besitz des Invictus ein Schreiben befinden oder befunden haben, welches für das Jahr 1853 eine Versammlung “der Kabale des Schreckens, der Kabale der Sünden, der Hofkabale und der Kabale der Schatten” einberuft.
Jenes Dokument, bei dem es sich um ein vollständiges Einladungsschreiben samt zahlreicher Namensnennungen gehandelt haben soll, wurde von Marius bei einem Salon im Jahr 2002 ausgestellt. Es gilt heute als “verschollen”.
Gerüchte wollen wissen, dass jenes Dokument auch einige unschöne Äußerungen über jene Vampire enthielt, welche keiner anerkannten Familie der Domäne angehörten und welche in der Kabale der “Ignobiles” zusammengefasst wurden. Andere, noch weit dunklere Gerüchte flüstern davon, dass jene “Ignobiles”, zu denen auch praktisch alle Angehörigen irgend einer Blutlinie gehörten, im “Jahr der Schreie” (wann immer dieses war) zusammengetrieben und ausgerottet wurden.
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1866: Das Jahr der Stille
Das nächste, klar belegte Jahr in der arg löchrigen Geschichte Berlins ist das “Jahr der Stille”, das übereinstimmend auf 1866 fixiert wird und ebenso übereinstimmend ein Jahr des Friedens und der Prosperietät der Berliner Vampire darstellt.
Beherrscht von den Kabalen der Sanguis Regiae, dem Hohen Haus des Blutes und dem Haus der Niederblute und beherrscht von einem Fürsten, der alle fünf Schädel in seinem basaltenen Thron führt, kehrt Ruhe und Frieden in Berlin ein.
Es ist nicht ganz klar, welche Familie und welche Fraktion zu welcher der damaligen Kabalen gehört – bekannt ist aber, dass die klassischen Bünde in jener Ära erst von sekundärer Bedeutung waren, und die wahre Macht von Blut und Abstammung abhängig war.
Ein Prinzip, das die Sanguis Regiae um den Fürsten Marius bis zuletzt vertreten hat – und vielleicht noch immer in Gestalt ihrer letzten verbliebenen Mitglieder (Grigori, Uräus, Annabelle) vertritt?
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1885: Das Jahr der Läuterung
Ganz so politisch unbedeutend wie von einigen behauptet können die Bünde jener Ära nicht gewesen sein. Wie sonst ist zu erklären, dass das Jahr 1855 als “Jahr der Läuterung” in die Geschichte einging, ein Jahr von Verfolgungen und von brennenden Scheiterhaufen, das offenkundig jeden Widerstand gegen die nun deutlich zutage tretende Macht der alten Allianz aus Invictus und Lancea Sancta ausmerzen sollte?
Den Überlieferungen zufolge, die nun wieder bruchstückhafter werden (wie zu jeder Zeit des Umbruchs in Berlin), werden Invictus und Sanktum in jener Zeit sogar durch ein und dieselbe Person beherrscht (bzw. was wahrscheinlicher ist: Beide Bünde unterstützen den Fürsten der Domäne, um die eigene Macht zu sichern und den totalen Fall in die Bedeutungslosigkeit zu verhindern).
Der Hasspropaganda von Marius’ Hof zufolge soll jener Herrscher des Invictus und der Kirche ein Mekhet-Ahn namens Zion gewesen sein – das aber macht wenig Sinn, wenn zu jener Zeit doch die Sanguis Regiae wie vielfach belegt die herrschende Kabale war!
Die Zustände in Berlin sind also wieder einmal sehr verwirrend, und das soll sich auch in den kommenden Dekaden nicht mehr ändern …
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