Goldene Nächte
Ob die Ära der Goldenen Nächte wirklich golden war, darf bezweifelt werden. In jedem Fall aber waren sie eine Glanzzeit im Kontrast zu den folgenden Kriegswirrren, dem Schrecken des Bombardements, den Jahren zwischen zerbombten Ruinen und der Trennungswunden, die erst in heutigen Nächten langsam zu heilen beginnen.
Mit der Ära der Goldenen Nächte – grob gefasst die Zeit zwischen 1900 und dem Zweiten Weltkrieg – nimmt die Zahl der heute noch in Berlin lebenden Augenzeugen sprunghaft zu:
Während Matthäus’ Alter nicht wirklich bekannt ist, in jedem Fall aber das ferne Dämmerlicht mindestens noch berührt haben soll und lediglich Magdalena wenigstens gerüchteweise ein “Kind der Industrialisierung” sein soll, tauchen mit Nahen des Zweiten Weltkrieges immer mehr Namen auf, welche die Goldenen Nächte wohl noch erlebt haben – wie flüchtig auch immer.
Indessen Grigori – weit älter als die meisten Vampire der Domäne – Berlin erst nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht hat, werden die meisten Mitglieder des Berliner Invictus als Zeitzeugen der Goldenen Nächte betrachtet (ob gerechtfertigter Weise oder nicht, ist eine andere Sache). Annabelle, Faust, Uräus (und ferner Lukas und Gerüchten zufolge auch Lukull) – sie alle sollen mindestens die Zeit des Krieges, wenn nicht die Zeit davor noch selbst gesehen haben – eine Annahme, die alle drei weder dementieren noch mit Schilderungen oder Auskünften zu angeblichen Vorkriegs-Geschehnissen untermauern würden.
Es scheint zwischen den Erstbluten der Domäne eine Art stillen Pakt zu geben, jene Dinge, die vor dem Krieg waren, ruhen zu lassen. Was indes der Grund für eine “Vertuschung” diesen Ausmaßes sein könnte, wird zumindest geahnt:
![]()
Das Jahr der Blutweihe
Das Jahr 1900 ist überliefert als der Scheidepunkt zwischen den Wirrnissen der Vergangenheit und der “neuen Ordnung”, die bis in den Zweiten Weltkrieg hinein in Berlin Bestand haben sollte.
Berlin, so geht die Legende, soll durch mehrere, nach Clanszugehörigkeit geordnete Kabalen beherrscht worden sein, an deren Spitze ein Fürst namens Zion stand, der – und das darf durchaus als Sensation nicht geringen Ausmaßes betrachtet werden – im “Jahr der Blutweihe” 1900 sowohl vom Invictus als auch dem Sanktum als Erster ihres jeweiligen Bundes gehuldigt bzw. gesalbt wurde. Die betreffende Festivität soll sich in der seinerzeit noch recht neuen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zugetragen haben, bei der ein einziges Mal ausnahmslos die komplette Domäne samt aller umliegenden Städte versammelt war, die demnächst zur Domäne und Stadt Groß-Berlin vereinigt würden.
![]()
Die Zeit der Schatten
Die Sanguis Regiae um Marius indes schildert die Ereignisse aus einem völlig anderen Blickwinkel:
Der erste geeinte Hof Groß-Berlins sei erst 1940 entstanden, unter dem weisen Fürsten Albrecht, der Marius’ Erschaffer war.
Jener “Hof”, der vorher existierte, war kein solcher, sondern eine verdrehte politische, vermutlich carthianische Schein-Ordnung, in welcher die Macht durch Kabalen der Clane (bzw. einzelne Clansvertreter) ausgeübt werden sollte, was in der gelehrten Diskutiererei zwar vortrefflich klang, in der Realität aber nie funktionierte.
Die “Blutweihe” sei ein Bestreben einzelner, der carthianischen Idee der Blutsherrschaft nahestehender Anhänger des Invictus und des Sanktums gewesen, um die Bedeutung jener Bünde einerseits im System der Blutsreinheit zu verankern und andererseits den wachsenden Unmut jener Bünde ob der Situation zu mildern – was aber zum genauen Gegenteil führte.
Das Prinzip der Hoheit des Blutes über die Interessen eines Bundes (der mehr die Funktion eines Salons oder Hobbies erhalten sollte) verlangte Gehorsam gegenüber den Prisci. Und damit den Verrat von Bundgeheimnissen zum Nutzen “der Familie”.
Der Schilderung der Sanguis Regiae nach war die Zeit unter dem Schattenfürsten Zion nichts anderes als eine Terrorherrschaft einer verschrobenen, indes untereinander geeinten Salon-Elite, die das traditionelle Prinzip der Bünde verraten hatte.
In den Kreisen des Sanktums sei es – so wurde sich noch in den Achtzigern in Westberlin erzählt – in den Zwanziger Jahren zu einer Reformbewegung gegen das Diktat der Blutreine gekommen. Zion, besoffen durch seine Macht als weltlicher und kirchlicher Fürst, rief zum Disput und ließ die so genannten “Schattentempler” per die durch ihn selbst eingesetzten Sanktumsoberen zu Häretikern erklären und – nachdem diese wiederum Zion in einem Elysium direkt angriffen – allerdings rechterdings ausbrennen. Ähnliche Bestrebungen, die Anhänger der traditionellen Bundeslehre mundtot zu machen, habe es auch in den anderen Bünden gegeben, ehe diese sich unter dem Ventrue Albrecht zusammenfanden und in einem “Freiheitskampf” den Schattentyrann stürzten.
![]()
Gefahrvolle Fragen
Wie schon anhand dieser groben Zusammenfassung zu sehen ist, steckt im Gegenstand der unmittelbaren Vorkriegszeit ein gewaltiger Sprengstoff. In diesen Dingen herumzustochern, scheint mindestens ebenso gefährlich zu sein, wie mit verbundenen Augen über ein Minenfeld zu tanzen – weswegen am Überleben orientierte Kinder der Nacht sich den Erstbluten nur zu gerne darin anschließen, die Vergangenheit samt ihren jeweiligen Prota- und Antagonisten “in Frieden ruhen” zu lassen.
Immerhin: Der Zweite Weltkrieg hat eh alles ausgelöscht, was zuvor war. Also welche Relevanz sollten diese alten Geschichten heute noch haben?
![]()
Der Salon Saturna
Eine Fraktion will weder in die Erzählungen von der Ära der Blutreine noch eines anderen Hofes der Vorkriegszeit passen: Der Salon Saturna (oder Saturnia) taucht in einigen Schriften nebensächlich erwähnt auf, ohne je wirklich erklärt zu werden.
Über den Zeitpunkt seiner Entstehung, seine Agenda, seine mögliche Bundzugehörigkeit, seine Anhänger und vor allem sein Schicksal ist nichts bekannt. Dennoch ist man sich sicher, dass einer der fünf Schädel des Danse Macabre “dem Salon Saturnia gehört” bzw. ein Schädel der Kopf eines bedeutsamen Vampirs jenes Salons ist.
Im Zuge der jüngsten Aufregung betreffs der geheimnisvollen Machenschaften der Ordo Dracul ist einmal mehr das Gerücht aufgetaucht, der Salon Saturnia sei nichts anderes als eben jenes Kapitel der Drachen gewesen, das in früherer Zeit in Berlin unterging und auf dessen Suche sich jene Drachen befanden, die 2005 die Domäne Berlin betraten – um exakt ein Jahr später ebenso spurlos zu verschwinden – vielleicht nach einem zu wilden Tanz auf dem Minenfeld …
Eine andere Theorie betreffs des Salons Saturna will in diesem statt der Ordo Dracul einen geheimen Bund sehen, der in vereinzelten anderen Schriften auch als “Germania-Loge” bezeichnet wird. Soweit man den Gerüchten glauben möchte, war besagte Loge eine viktorianisch geprägte Wissenschafts-Vereinigung gelehrter Kinder der Nacht (oder gar einer Blutlinie), die durch die Neuschaffung Berlins eine gezielte Lenkung der “spirituellen Energien” schaffen wollten.
Derartige, aus dem asiatischen Raum kommende Lehren waren zu jener Zeit durchaus nicht unpopulär (Hitler selbst wird eine fanatische Begeisterung für diese halb-wissenschaftliche, halb-okkulte Idee nachgesagt) – und viele Kinder der Nacht sehen zwischen der angeblichen Agenda der Germania-Loge und der Theorie, hinter all dem stecke die ebenso halb-wissenschaftlich, halb-okkult operierende Ordo Dracul, keinerlei Widerspruch.
Wenn, so könnte wohl der Ventrue-Baron Faust am Ehesten hierzu genaue Auskunft geben, ist von diesem in letzter Zeit doch ein recht freimütiges Bekenntnis zur Germania-Idee und seinem eigenen Wirken im Dunstkreis Speers zu hören. Warum der Notar des Invictus allerdings ausgerechnet nun damit herausrückt, bleibt rätselhaft und wird von vielen misstrauisch als Versuch beäugt, sich selbst mehr Bedeutung und eine Rolle in der Geschichte Berlins zuzuschreiben. Aber: Um was damit zu tun? Einen Machtanspruch aufzubauen? Für was?
*)