Die Anfänge
Niemand weiß, woher die Vampire kommen.
Was natürlich niemand daran hindert, zu behaupten, es zu wissen. Oder dem filigranen Gespinst von feinen Lügen überwucherter Überlieferungen eigene Vorstellungen hinzuzuweben. Etwa, um den eigenen Bund oder Clan bedeutsamer als andere darzustellen.
Im Laufe der Jahrhunderte – wenn nicht Jahrtausende – hat es die unterschiedlichsten Theorien, Mythen und Schilderungen vom “Anbeginn” gegeben. Einige jener Mythen haben eine regelrechte Blütezeit gehabt, andere treten hervor und verblassen je nach der Mode des Augenblicks, der Präferenz der Domänenherrscher oder dem Gusto der jeweiligen Epoche.
Die weitesten, einigermaßen gesicherten Erkenntnisse der Vampire berühren gerade noch die Ära des alten Rom, und selbst, ob die römischen Legenden um eine “Camarilla” als “Bund der Bünde” wahr sind, wird von vielen bezweifelt:
Zu perfekt passen die Schilderungen eines fernen, goldenen Zeitalters unter der weisen Führung des Invictus in die Politik jenes Bundes, mit der dieser einen Vormachtsanspruch auch in modernen Nächten geltend machen will.
Wer im übrigen jene anderen “Bünde” gewesen sein sollen, die mit dem Invictus über die römischen Nächte herrschten, ist ein Thema heißer Debatten. Sicher ist, dass es weder die Ordo Dracul noch die Carthianische Bewegung gewesen sein können, die ja sehr viel jünger sind.
Ob es aber die damals noch junge Lancea Sancta war (wie diese behauptet) oder aber der damals weit mächtigere, das römische Pantheon und die alten Tempel beherrschende Zirkel der Mutter war (wie dieser behauptet) oder im Gegenteil viel ältere, heute fast vergessene Bünde wie die auffallende römische “VII” (wie einige erschrocken flüstern) ist völlig offen.
So wissen die Vampire also einigermaßen sicher, dass es zu Zeiten des alten Roms schon Vampire gab. Ob es aber schon die heutigen Clane gab, oder erst einige wenige von diesen, oder im Gegenteil mehr als nur fünf, ist – Legende.
Unter den Herkunftsmythen, die den Kindern der Nacht bekannt sind, kursieren in Berlin in diesen heutigen Nächten vor allem die folgenden (es mögen mehr zirkulieren, aber jene Mythen sind jene, auf die ein Zureisender vermutlich zunächst stoßen würde):
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Das Mithras Mysterium
Die Kinder der Nacht Berlins haben Gerüchte gehört, wonach sich an verschiedenen Orten in Europa unterirdische, aus römischer Zeit stammende Tempelanlagen befinden sollen, die dem Gott Mithras gewidmet sind.
Soweit die Kinder der Nacht sich erzählen, sei jener Mithras mit dem persischen Gott Mithra identisch, welcher der Legende zufolge ein Sonnen- und Lichtgott ist und somit eigentlich für Vampire kaum als Gestalt größeren Interesses herhalten dürfte.
Dieses Interesse rührt aber nun daher, dass der römische Mithras zum einen oft mit einem Mantel dargestellt wird, auf dessen Innenseite ein Nachthimmel zu sehen ist, und dass das zentrale Motiv seines Kultes jenes ist, dass Mithras einen Stier in eine lichtlose Höhle zieht und dort tötet, woraufhin aus dem Blut des Stieres die Welt entsteht.
Es ist in der Tat ein Mysterium, warum die Mithräen denn lichtlose unterirdische Tempel sind, wenn Mithras ein Sonnengott ist. Wäre eine Verbindung zwischen der Gestalt des Mithras, der im asiatischen Raum eher die Rolle eines Mittlers besitzt, und dem persischen Gott der Finsternis, Ahriman, nicht logischer?
Der auffallende Mangel an Wissen zu Mithra/Mithras ebenso wie dessen spätere Rolle beim Aufstieg des “Sol Invictus” (sic!) Kultes inspirieren künstlerisch ebenso wie spirituell-religiös veranlagte Vampire. Und das offenbar schon seit sehr langer Zeit.
Die Kinder der Nacht Berlins wissen letztlich über diese ganze Thematik viel zu wenig. Aber just genug, um eigenen Fährten hinab ins unterirdische Dunkel der Legenden folgen zu können. Oder auf diesen verloren zu gehen …
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Kinder der Angst
Eine andere, in Berlin unter Zions Thron populär gewordene Legende ist jene um die Erschaffung aus Angst.
Jene eher poetische Überlieferung und nach Ansicht einiger wohl allegorisch zu verstehende Mythologie beschreibt die Erschaffung aller fünf Clansgründer unabhängig voneinander, als separate Ereignisse (und separate Mythen, die Gerüchten zufolge in einigen der Berliner Clane mit religiösem, kultischen Eifer verehrt werden).
In allen fünf Fällen handelt es sich bei den Gründern um in jederlei Hinsicht außergewöhnliche Menschen, die schon zu Lebzeiten ungewöhnlich waren – und sich damit nicht zuletzt mit den anderen beiden “ungeküsst Erschaffenen” der Vampirlegenden, Dracula und Longinus, decken.
Jeder der fünf hatte eine zentrale Angst, eine alles beherrschende Furcht und ja, auch eine alles beherrschende Todsünde, die ihn den Tod wie nichts auf der Welt fürchten ließ – so sehr, dass der Körper sich im Moment des Todes erhob, unwillens, unfähig, vom Leben zu lassen.
Der in Berlin kursierenden Überlieferung nach soll der erste Vampir der Nosferatu gewesen sein, dessen Name – wie der jedes anderen “Ersten” nicht überliefert ist (es sei nur nebenbei erwähnt, dass die Theorie vom Nosferatu als ältesten Clan in gewissen Widerspruch zu anderen, ebenso kursierenden Erzählungen ist, wonach die Nosferatu ein eher junges Blut und die Mekhet das älteste Blut der Welt sein sollen. Aber wer will das dem Domänenältesten – einem Nosferatu – ins Gesicht sagen?).
Jener Mann, der Nosferatu werden sollte, war der Überlieferung nach ein Krieger. Kein Kriegsherr, kein König – nur ein Kämpfer, der in endlosen blutigen Schlachten kämpfte und siegte, und der die wachsende Zahl seiner Feinde außer- und innerhalb seines Stammes fürchtete. Er hatte keine Familie und keine Freunde, aus Furcht, was seine Feinde jenen antäten, um an ihn heranzukommen, und als er tödlich im Kampf verwundet wurde, rief er nicht um Hilfe, denn er fürchtete, seinen Ruf der Unbesiegbarkeit zu verlieren und anderen somit den Mut zu geben, ihn anzugreifen. Aber er starb nicht. Er lag einen Tag und eine Nacht und starb dennoch nicht, denn er fürchtete, was man über ihn sagen würde, wenn er so daläge, und was sie mit seinem verhassten Leib täten. So erhob er sich, als erste einer neuen Art. Als erstes der Kinder der Nacht.
Ähnliche Geschichten existieren von den Ersten der anderen Clane. Die Frau, welche die Daeva begründete, war eine makellose Schönheit, die nichts so sehr fürchtete, wie diese Schönhheit zu verlieren. Sie war eine Zauberin, die im Blut von Kindern badete, um ihre Schönheit zu erhalten, und niemals nahm sie einen Mann, damit sie nicht schwanger würde und ihre mädchenhafte Gestalt verlöre. Als sie dennoch eines Nachts starb – alt und durch bösen Zauber dennoch schön – da graute es ihr so davor, zu verwesen und zu verfallen und eine Heimstatt für das vielfüßige Ungeziefer zu werden, dass sie sich wieder erhob. Und nun brach aus ihr die böse Lust, welche sie ein ganzes Leben lang zurückgehalten hatte, und sie brachte junge, kräftige Männer durch ihre Lust zu Tode, verschlang und fraß sie, eine dämonische Schönheit, nimmersatt für alle Ewigkeit, bis die Sterne ihr Feuer verlieren.
Vom ersten Ventrue sagt man, dass er ein unfehlbarer König und Hohepriester war, der fürchtete, dass sein Volk und alles, was er geschaffen hatte, ohne ihn nicht fortbestehen würde.
Von dem, welcher der erste Gangrel wurde, sagt man, dass er ein Viehzüchter war, der eine Familie und viele Kinder hatte. Da er sehen musste, wie Freunde und Familie alt wurden und starben an der Last der Arbeit und des Lebens, drohte er zu zerbrechen. Und suchte sein Heil im Wesen der Tiere, die den Tod sehen, ohne ihn zu achten. Er wurde seinem Volk und Dorfe fremd, distanzierte sich so weit, dass keine kummervolle Nachricht ihn mehr im Herzen erreichte. Als er starb und die wilden Tiere kamen, um sein Herz zu fressen, erhob er sich, denn er wollte auch nicht, dass sie sähen, was sein Herz in Wahrheit birgt. Stattdessen labte er sich an ihrem Blut, fraß auf ihre Seelen und verschmolz mit den Wäldern. Auf ewig ein Jäger unter einem wilden Himmel.
Der oder die, welche/r Mekhet wurde, war im Leben ohne Gnade. Und fürchtete darum nichts mehr, als der Gnade anderer ausgeliefert zu sein. Er oder sie, die nie jemandem vergeben hatte, fürchtete so sehr, dass ihre eigenen Verbrechen nach ihrem Tode offenbar würden, dass sie ihre Geheimnisse mit ins Grab nahm, und das Grab mit sich. Scheuend das größte Grauen, im Tode vor das Gericht des Schöpfers oder eines Gottes treten zu müssen, floh sie oder er das letzte Gericht, verborgen und verhüllt in der Nacht, versteckt vor den Augen Gottes, unter dessen Antlitz er/sie nicht zu treten wagt.
In einer vom Sanktum außerhalb Berlins zuweilen verbreiteten Variante dieses Mythos ist der erste Vampir nicht der Nosferatu, sondern der Mekhet, und jener wird identifiziert als Judas Iskariot (und zuweilen als Maria Magdalena).
In einer weiteren Variante der Legende sind die ersten der Clane nicht zentralen Ängsten, sondern den zentralen sieben Todsünden zugeordnet. Dies wirft natürlich die Frage auf, was mit den verbliebenen zwei Todsünden ist, die durch keinen der fünf Clane “abgedeckt” werden. Hierzu lautet die erste Erklärung, dass jene zwei “vergessenen” Clane vor langer Zeit ausgelöscht wurden, weil ihre Sünde zu groß war (auch hier wird gerne die Theorie eingesponnen, wonach der Bund der VII seine Zahl eben auf die “Nummer” seiner Todsünde zurückführt, was den ganzen Bund zu einem vergessenen Clan machen würde!!), die zweite Erklärung sagt, dass jene beiden Clane vielleicht im afrikanischen oder fernöstlichen Raum beheimatet sein könnten, und die dritte Erklärung lautet, dass jene beiden Clane schlicht noch nicht entstanden sind, weil ihre Zeit noch nicht gekommen ist. Überflüssig zu sagen, dass Anhänger der dritten Erklärung gerne darüber fabulieren, was wohl passieren wird, wenn alle sieben Clane entstanden sind – und dass die Antwort darauf alles andere als erfreulich ist.
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Blutgötter
Der in Berlin einst existente und von den Kindern der Nacht der Domäne ausgelöschte “Mitternachtszirkel” soll – sofern er eben nicht ein satanischer Bund irrer Jünger des Belial war – einen Glauben vertreten haben, wonach ein Kind der Nacht zum Gott werden kann.
Just jenes sei am Anfang der Zeit geschehen: Ein Kreis von Priestern oder Schamanen ging Pakte mit Göttern des Todes, des Blutes und der Finsternis ein und wurde durch die Macht ihrer Magie zu den ersten Vampiren. Indem sie die Prüfungen des Requiems meisterten, die Brücken der Unterwelt überquerten und dem vorgezeichneten Weg der Flüsse der Unterwelt folgten, wurden sie selbst zu Blutgöttern, die anderen Kinder der Nacht, ihre Brut und Kindeskinder, zurücklassend, ihnen aber Zeichen setzend.
Gerüchte reden in diesem Zusammenhang von einem Brunnen, der von der Oberfläche bis hinab in die Unterwelt des Totenreiches gehen soll und der sich in einem Dorf am Rande des Schwarzwaldes befinden soll. Aus diesem hätten die Blutgötter dereinst eine Botin in Gestalt eines kleinen Mädchens gesandt, das den dortigen Kindern der Nacht einen Schlüssel zu den Pforten der Unterwelt gegeben habe.
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Herrscher des Blutes
Eine weitere, vor allem am Hofe des Fürsten Marius populäre Legende besagt, dass die ersten Vampire nicht vor, sondern in römischer Zeit entstanden seien. Und zwar im Herzen des Imperiums, im Herzen Roms sogar: In Gestalt von Julius Cäsar, welcher der erste Vampir geworden sei.
Die kusslose Erschaffung – das würden schon die Fälle Longinus und Dracula belegen – könne “spontan” geschehen, soweit gewisse Vorzeichen und ein besonderes Schicksal vorgezeichnet seien. Die Geschichte von Julius Cäsar von dessen geheimnisumrankter Geburt über seine wenig bekannte Vielzahl an Ämtern (inkl. des Amtes des Pontifex) auch außerhalb dessen bekannter Rolle als General und Kaiser wie auch sein einzigartiger Tod bilden in der Tat scheinbar ein perfektes Szenario dafür, den ersten Vampir (“natürlich” ein Ventrue) hervorzubringen.
Die Legende – deren umfassendere Form mittlerweile durch den Niedergang des Hauses Marius schon verloren geht und zudem auch sinkende Popularität genießt – sieht weitere Vampire in den folgenden Nächten: Octavian, Tiberius, natürlich Cleopatra, natürlich Caligula und natürlich Nero, ihnen allen wird nachgesagt, die ersten Vampire der Welt geworden zu sein und gemeinsam die Camarilla geschaffen zu haben – bzw. um es genau zu sagen in einer Zeit, da es noch keine Bünde gab, ein gemeinsames Imperium der Nacht und des Blutes geführt zu haben, ehe Rom an der Verderbtheit seiner untoten Herrscher und ihrer internen Fehden zerbarst und verging.
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Weitere Legenden
Die hier geschilderten Überlieferungen bilden in ihrer jeweiligen Kurzform nur einen kleinen Ausschnitt all dessen, was Vampire sich über die ersten Nächte erzählen.
Und jeder Mythos besitzt seine eigenen Beweise – überlieferte Schriften, gefundene Statuen, kostbar behütete Scherben, mit Runen verzierte Rinden, reliquiarisch verehrte Objekte – so dass keiner mehr Wahrheit für sich beanspruchen kann als ein anderer.
Denn jeder Beweis ist nur so glaubwürdig wie der Vampir, der ihn präsentiert.
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