Brüder und Schwestern in LONGINUS,
Verehrte Gemeinde,
Werte Gäste,
Seit Jahrhunderten herrscht ein stetiger Kampf zwischen Wissenschaft und Religion, zwischen Erneuerung und Tradition. Die Wissenschaft versucht mit allen Mitteln die Welt davon zu überzeugen, dass es keine Religion mehr braucht. Die Religion kann keine Beweise erbringen. Sie ist diffus und schwammig. Sie verlangt von ihren Anhängern zu glauben statt zu wissen.
Die Carthianer stützen sich in ihren Theorien auf die alten griechischen Philosophen. Sie sprechen von dem Ende des astrologischen Zeitalters der Fische, das unter dem Zeichen des Glaubens stand und vom Hereinbrechen des Zeitalters des Wassermanns, einem Zeitalter, dass geprägt sein soll durch eine Säkularisierung der Welt. Die Welt soll eine neue Perspektive bekommen. Viele Verfechter dieser Theorie sehen sich jetzt schon in einer Umbruchszeit – mit ihnen als die Boten dieser neuen säkularen Weltordnung.
Für den Glauben soll darin kein fester Platz mehr sein.
Und die Menschen zeigen uns, dass es scheint als habe die Wissenschaft den Krieg bereits gewonnen. Hieße das denn nicht, dass auch uns dieses Schicksal irgendwann unweigerlich bevorstehen muss? Die Wissenschaft ist der neue GOTT. Newton, Einstein und Gates sind die neuen Propheten. Medizin, elektronische Kommunikation, Raumfahrt, genetische Manipulation – das sind die Wunder der heutigen Zeit. Diese Wunder erzählen die Menschen ihren Kindern. Diese Wunder sind der Beweis dafür, dass die Wissenschaften uns auf alle Fragen eine Antwort geben können.
Die alten Geschichten von dem brennenden Dornenbusch, von geteilten Meeren und von der unbefleckten Empfängnis sind bedeutungslos geworden in der heutigen Zeit. Die Logik, das Skalpell der Wissenschaft, gemahnt uns, dass es den Überlieferungen über den Heiligen Daniel, die Thebanische Legion und LONGINUS, der von GOTTES Hand verdammt wurde, nicht anders ergehen kann. GOTT selbst ist obsolet geworden. Die Wissenschaft, so scheint es, hat den Kampf gewonnen. Wir sind in unserem Wesen nur zu statisch, um dies zu erkennen.
Doch dürfen wir nicht versäumen, uns den Preis des Sieges der Wissenschaft vor Augen zu halten. Insbesondere wenn die Zeit für uns langsamer verläuft. Denn wenn die Logik uns sagt, dass uns dasselbe Schicksal ereilen muss und wird, so sagt sie uns doch auch, dass der Kampf noch nicht vorbei und damit noch nicht entschieden ist!
Die Wissenschaft mag das tägliche Elend gelindert und die Arbeit erleichtert haben. Sie mag eine Vielzahl an Geräten gebracht haben, die das Leben bequem und unterhaltsam gestalten, doch sie hat uns zugleich eine Welt ohne Ordnung beschert. All diese Entwicklungen lenken uns nur weiter von GOTT ab. Ich will sie nicht alle verteufeln. Sie erleichtern auch uns unsere Arbeit und sicheren unsere Existenz. Doch die Wissenschaft raubte uns den Glanz GOTTES.
Unsere Sonnenuntergänge bestehen nur noch aus Wellenlängen und Frequenzen. Die Komplexität unseres Universums ist aufgeteilt in eine Reihe mathematischer Gleichungen. Sogar der Selbstwert der Menschen und unserer Art wurde zerstört. Die Wissenschaft behauptet, dass die Erde und die Menschen darauf nichts weiter sind als ein bedeutungsloser Fleck in einem viel größeren Ganzen. Ein kosmischer Unfall.
Die Technologie, die uns zu vereinen versprach, teilt uns. Selbst fast jeder von uns ist heutzutage elektronisch mit der ganzen Welt verbunden. Selbst diejenigen unter uns, die die Nähe der Menschen suchen, so fehlgeleitet dieses Denken auch sein mag, haben in dem Internet eine Möglichkeit des anonymen Austauschs mit ihnen gefunden und doch fühlen wir uns einsamer als je zuvor, denn je mehr Wege uns die Technologie bietet, desto weniger sprechen wir von Angesicht zu Angesicht miteinander. Unsere Welt besteht aus Gewalt, Zwist, Teilung und Betrug. Skeptizismus hat sich zu einer Tugend entwickelt. Zynismus und die ständige Forderung nach Beweisen sind zu aufgeklärtem Gedankengut aufgestiegen. Ist es ein Wunder, dass die Jungen unter uns heute mutloser und niedergeschlagener sind als je zuvor? Gibt es irgendwas, das der Wissenschaft heilig ist? Sie sucht nach Antworten, indem sie mit ungeborenen Föten experimentiert. Sie maßt sich an, die Erbsubstanz des Menschen zu manipulieren. Sie zerschmettert GOTTES Welt in immer kleinere Bruchstücke, auf der Suche nach dem Sinn – und alles, was sie findet, sind weitere Fragen.
Wenn die Wissenschaft gewonnen hat, so war ihr Sieg ohne Recht. Sie hat nicht gewonnen, indem sie Antworten geliefert hätte, sondern sie hat gewonnen, indem sie die menschliche Gesellschaft so radikal verändert hat, dass die Wahrheiten, die einst uns als leuchtende Wegweiser gegeben waren, heute als unzutreffend und bedeutungslos dastehen. Die Religion kann nicht mithalten. Die Wissenschaft wächst explosionsartig und vermehrt sich wie ein Virus. Jeder neue Durchbruch öffnet Türen für weitere Durchbrüche. Die Menschheit benötigte Jahrtausende, um den kurzen Weg vom Rad zum Automobil zurückzulegen, doch vom Automobil zur Raumfahrt waren es nur ein paar Jahrzehnte. Heute wird wissenschaftlicher Fortschritt in Wochen gemessen. Die Welt gerät außer Kontrolle. Der Abgrund zwischen den Menschen wird tiefer und die Verbindung zu ihrem Schöpfer immer dünner. Die Menschheit ist gefangen in einem spirituellen Nichts. Ohne Führung. Ohne Halt. Sie hat sich selbst den Funken GOTTES in ihrem Herzen abgetötet und das Schweigen Seiner Stimme hinterlässt in ihnen eine unsagbare Leere. Sie sehnen sich nach einer Bedeutung. Wir schreien danach!
Wir suchen nach einer Erlösung von der Verdammnis, die wir auf uns geladen haben und beschreiten dabei Wege über Wege. Manche versuchen sich selbst zu transformieren – und bewegen sich dabei immer weiter von GOTT weg. Andere predigen jeder könne zu einem Gott oder Halbgott aufsteigen über äonenalte Geheimlehren und sie übersehen dabei, dass GOTT doch in ihrem Herzen ist und dass es keine ältere Weisheit gibt, als die dessen, der uns erschaffen hat. Das sind die verzweifelten Rufe der modernen Seelen, einsam und gequält, verkrüppelt durch ihre eigene Erleuchtung und ihre Unfähigkeit, Bedeutung in irgendetwas zu erkennen, das abseits von Technologie und Fortschritt zu finden ist. Dabei suchen sie nach neuen Wegen oder interpretieren alte vergangene Wege neu und übersehen dabei, dass es einen Glauben gibt, der heute noch lebendig ist. Ein Glaube der keine New Age-Bewegung braucht, um zu leben. Ein Glaube, dessen Kirche immer stets die Pforten geöffnet hat für jene, die bereit sind zuzuhören.
Die Wissenschaft sagt, sie würde uns retten. Ich sage, sie läuft Gefahr uns zu zerstören. Ihre Errungenschaften, die sie zur Rettung der Menschheit suchen, werden ein ums andere Mal pervertiert, um daraus Massenvernichtungswaffen zu gewinnen. Doch ist es die Kirche, ist es der Glaube, der das tut?
Die Wissenschaft hat ihre Versprechen nicht eingelöst. Wer ist dieser Gott der Wissenschaft? Was ist das für ein Gott, der seinem Volk Macht anbietet, aber kein moralisches Rahmenwerk, das ihm sagt, wie diese Macht benutzt werden soll? Was ist das für ein Gott, der einem Kind Feuer in die Hand drückt, ohne ihm zu erklären, dass es sich verbrennen kann? Die Wissenschaft ist rational und logisch. Sie ist frei von jeglicher Moral und weißt damit jede Verantwortung von sich. Sie haben es nur erschaffen, es ist nicht ihre Schuld, wie es am Ende eingesetzt wird. Wissenschaftliche Bücher zeigen uns, wie man eine nukleare Reaktion in Gang setzt, doch es gibt kein Kapitel, in dem wir gefragt werden, ob es eine gute oder eine schlechte Idee ist.
Ist der Glaube und die Religion also wirklich überflüssig geworden? Wird es für die Dunkle Kirche oder die Kirche an sich also keinen Platz mehr im Zeitalter des Wassermanns mehr geben? Wird die einzige Antwort einer neuen säkularen Weltordnung auf diese Fragen nur sein: Zeigt uns doch den Beweis, dass es einen GOTT gibt?
Nehmt Eure Teleskope und schaut hinauf zu den Sternen und dann sagt mir, wie es keinen GOTT geben kann! Wie kann die Wissenschaft GOTT bei all ihren Forschungen denn übersehen? Die Wissenschaft sagt, dass die kleinste Veränderung in der Gravitation oder dem Gewicht eines Atoms unser Universum zu einem leblosen Nebel gemacht hätte statt zu einem endlosen Meer aus Himmelskörpern, die alle einem Uhrwerk gleich verbunden sind und doch kann sie darin nicht GOTTES Hand erkennen? Ist es soviel einfacher zu glauben, dass wir zufällig das Hauptlos unter abermillionen anderen gezogen haben? Sind wir spirituell so verkümmert, dass wir lieber an eine mathematische Unmöglichkeit glauben, als an eine Macht, die größer ist als wir?
Sind wir wirklich überflüssig geworden? Brauchen all die Seelen, die entgegen besseren Wissens in die Verdammnis gerissen werden, keine Führung im Requiem mehr? Haben sie keine Fragen mehr, auf die sie eine Antwort suchen? Brauchen sie keinen Sinn und Zweck mehr für ihr Requiem? Keine Richtung, die ihnen gewiesen wird?
Was ist denn das Streben nach Macht und die Politik des Danse Macabres denn anderes als die Suche nach einem Sinn im Requiem, nach einem Grund um in der kommenden Nacht weiterzumachen? Suchen denn die Carthianer nicht auch nur aus dem Grund nach einem Gesellschaftssystem für unsereins, das in ihren Augen besser geeignet ist, um ihrem Dasein, ihrem Requiem einen Sinn zu geben? Und ist diese Suche nicht daraus geboren, dass sie an ihre Ideale glauben? Suchen sie nicht deswegen, weil die Wissenschaft ihnen gesagt hat, dass es keinen GOTT gibt und sie dieser Behauptung Glauben schenken? Obwohl die Wissenschaft genauso unfähig ist, diese Behauptung mit Beweisen zu zementieren.
Ich sage nicht, dass die Carthianer die Feinde des Glaubens sind. Ich frage sie nur, ob sie der Meinung sind, dass unsere Welt keinen Glauben mehr braucht. Ist diese Theorie von dem Wechsel der astrologischen Zeitalter so hundertprozentig, dass es keine Kirche mehr braucht?
Muss die Wissenschaft der Feind des Glaubens sein oder könnten nicht vielmehr beide gemeinsam ein Loblied an die Schöpfung singen.
Die Carthianer sind nicht die Feinde des Glaubens, ebenso wenig wie es der Invictus ist. Aber ist es denn nicht gerade in dieser Zeit wichtig, das Dunkle Werk zu begehen? Müssen wir nicht unsere Anstrengungen verdoppeln oder uns zumindest fragen, ob wir wahrhaftig für unseren Glauben tun, was wir tun können? Denn am Ende tun wir es doch auch für uns.
Ich habe gesagt, dass der Kampf noch nicht verloren ist! Wir können noch kämpfen! Unser Glaube ist unser Schild, das Dunkle Werk ist unsere Waffe. Wir können den Glauben der Menschen wieder entfachen, wenn wir einer Geißel gleich, voller Inbrunst und ohne Gnade auf sie niederfahren. Wenn wir ihnen die Augen öffnen! Der Glaube ist kein Jackett, das unbequem und zu eng geworden ist. Der Glaube ist unser Schild! Der Glaube ist der Balsam für unsere Seelen.
Amen.

